Das Bürokratie-Monster

Ist ein bißchen her, seit ich zuletzt was geschrieben habe, daher erst mal an alle treuen Verfolger (wie sonst übersetzt man Follower?) dieses Blogs eine Entschuldigung. Gibt allerdings Gründe. Ohne da jetzt ins Detail zu gehen, wer da aus meiner Familie gerade woran erkrankt ist, nur so viel: es frisst unendlich viel Zeit. Schuld daran ist in erster Linie die Bürokratie, die einem hier so ziemlich alles schwerer macht.

Es fing aber damit an, dass die behandelnden Ärzte in einem Krankenhaus am anderen Ende der Stadt praktizieren, was ungeheuer praktisch ist, weil Rezepte hier grundsätzlich nicht per Post verschickt werden. Kostet ja Geld. Und außerdem müsste jemand zur Post laufen und dort Schlange stehen. Die Postämter werden nämlich auch als Auszahlstellen für Sozialhilfe in jeglicher Form mißbraucht. Und Briefkästen zum Einwurf hab ich glaube ich zuletzt 1995 gesehen.

Wenn jetzt also irgendeine Behandlung ansteht, braucht man erstmal das Rezept. Vom anderen Ende der Stadt. Wenn man Glück hat, kann einem das jemand mitbringen, der dort in der Nähe arbeitet oder regelmäßig Familie besucht. Leider ist dieser Jemand natürlich nicht in der Lage, die Richtig- und Vollständigkeit des Rezepts zu beurteilen. Zur Sicherheit fährt man daher besser selbst. Circa zwei Stunden, egal mit welchem Transportmittel. Für den Hinweg.

Wenn man das nicht auf sich genommen hat, kann es sein, dass man anschließend mit dem Rezept zur Krankenkasse rennt, wo manche Untersuchungen zunächst genehmigt werden müssen. Nur um dort festzustellen, dass leider die Aussagekraft dessen, was der Arzt oder die Ärztin da aufgeschrieben hat, den gesichts- und namenlosen Auditoren der Krankenversicherung nicht ausreicht. Weshalb einen die freundlichen Mitarbeiter im Servicecenter bedauernd und mit Achselzucken zurückweisen und versichern, wie leid es ihnen tue, aber so könnten sie das leider nicht annehmen. Oder – schlimmer – sie nehmen es erst mal an, um dann drei Tage später mitzuteilen, dass die gesichts- und namenlosen Auditoren das aber gerne anders hätten. Ausführlicher. Oder bitte nochmal mit der gesamten Krankengeschichte (die ihnen eigentlich schon mehrfach in Kopie vorliegt).

Es kommt auch vor, dass irgendein Arzt die Manie hat, das Datum seines Rezepts unten statt oben hinzuschreiben. Leider, leider… Oder, und das passiert eigentlich mit schöner Regelmäßigkeit, dass vergessen wird, dass der Patient aufgrund seines Zustands nicht mit eigenen Mitteln zur Behandlung oder Untersuchung kommen kann, sondern bitte ein Krankenwagen zum Transport angefordert werden muss.

Und zwar nicht irgendwie. Es muss detailliert drauf stehen, welcher Patient zu welchem Datum um wie viel Uhr wo abgeholt und wo hingebracht werden muss, ob ein Arzt im Wagen mitfahren muss, ob eine Trage benötigt wird, oder ein Rollstuhl reicht, und ob die Transporteure warten sollen, weil sie auch den Rücktransport nach Hause übernehmen müssen. Und selbstverständlich muss das Datum der Ausstellung oben stehen, nicht unten. Und unterschrieben muss sein. Und Stempel drauf.

Wenn auch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt ist, heißt es wieder “tut uns wirklich furchtbar leid, aber so können wir das nicht…”. Man sollte meinen, dass Ärzte mit 30 Jahren Berufserfahrung, die das eigentlich täglich machen, inzwischen  Routine hätten und wissen wie sie das aufschreiben müssen, aber ich staune dann doch immer wieder. Inzwischen diktieren wir den Herrschaften in den Rezeptblock.

Karikatur: Riesen-LKW für Formulare und Bürobedarf, Lieferdreirad für Medizin und Laborbedarf

Bürokratie im Gesundheitswesen (geliehen beim Dt. Ärzteblatt)

Um uns das Leben zu erleichtern haben wir gerade einen Behindertenausweis für den Patienten beantragt. Das soll vor allem dafür sorgen, dass viele Dinge nicht mehr einzeln genehmigt werden müssen. Allerdings ist der Antrag für diesen Ausweis auch nicht ohne.

Neben einer detaillierten Darlegung des Grades und der Art der Behinderung durch einen Arzt sowie Kopien des Personalausweises des Patienten sowie desjenigen, der in dessen Namen den Antrag stellt, braucht man – weil er ja nicht selbst erscheint – selbstredend noch ein “Lebenszeugnis” des Patienten, also einen Schrieb vom Amt, der bestätigt, dass der Patient noch nicht über den Jordan ist. Dafür braucht man aber auch wieder eine Bestätigung eines Arztes, die jedoch nicht älter als 24 Stunden sein darf. Und selbstverständlich Kopien von Ausweisen etc. Der Clou: das Lebenszeugnis ist auch wieder nur 48 Stunden gültig. Man muss also sehr genau planen, wann man wo hin geht, weil einem sonst wieder ein “schade, schade” entgegenschallt. Sollte irgendwas dazwischen kommen, zum Beispiel weil es dem Patienten schlechter geht und man diesen betreuen muss, kann man wieder von vorne anfangen.

Diese bürokratischen Knüppel, die einem hier permanent zwischen die Beine fliegen, dienen natürlich der Krankenversicherung dazu, teure Untersuchungen möglichst abzulehnen oder zumindest hinauszuzögern (vielleicht stirbt der Patient ja vorher, toi, toi, toi). Und im öffentlichen Dienst dienen sie dazu, möglichst viele Menschen mit völlig unsinnigen Tätigkeiten zu beschäftigen. Das sind schließlich schöne Versorgungsposten für die Verwandt- und Bekanntschaft von Politikern.

Allerdings finde ich, die fangen das wieder viel zu halbherzig an. Ich hätte da noch ein paar Vorschläge, den Grad der Herausforderung zu erhöhen: Anträge sollten grundsätzlich nur am Geburstag des Antragstellers eingereicht werden dürfen. Dieser muss dabei selbstverständlich eine beglaubigte Locke des Urgroßvaters aus Apulien vorweisen (die Beglaubigung muss sowohl im italienischen Original als auch in altspanischer Übersetzung vorliegen und einen Stempel der argentinischen Botschaft in Brasilia aufweisen – just for fun). Und freilich muss auf allen Formularen das Datum nach dem julianischen Kalender eingetragen sein. Und zwar auf der rechten Seite mittig. Von unten nach oben.

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Open Data Day im Kühlschrank

Heute ist OpenDataDay mit weltweiten Aktivitäten. In Buenos Aires beispielsweise werden heute Künstler Daten aus und zu einem Stadtviertel in Form von Grafiken an Wände in diesem Viertel malen – Datenvisualisierung mal anders.

Bild von Leuten vor einer bemalten Wand in Buenos Aires

Da sollen die Daten hin. (Foto: http://digital.buenosaires.gob.ar/ via @LNData)

Es kann aber auch jeder von zuhause mitmachen. Zum Beispiel beim Projekt “Was ist in meinem Joghurt?” Wer ein schickes Smartphone hat, per App, oder aber über’s Web bei openfoodfacts. Die haben das Ziel, heute so viele Informationen über Joghurt aus der ganzen Welt zu sammeln wie nur möglich. Am besten aus allen 250 Ländern. Hab gerade die ersten zwei aus Argentinien hinzugefügt und uns damit aus dem Stand vor Deutschland, Kanada oder USA positioniert (da gibt’s bislang nur je einen). Mehr hab ich aber nicht im Kühlschrank, jetzt müssen andere weitermachen.

Weil das Ganze ein französisches Projekt ist, gibt’s da naturgemäß auch schon die meisten Einträge (aktuell 223). Die werden wir heute wohl nicht mehr toppen. Aber vielleicht schaffen wir die Schweiz (10) oder sogar Spanien (24)?

Joghurt ist übrigens nur ein Türöffner, später wollen sie natürlich möglichst zu allen (verpackten) Nahrungsmitteln aus aller Welt zusammentragen. Ein schönes Crowdsourcing-Projekt, finde ich.

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Die argentinische Parabel

So heißt die Titelgeschichte der internationalen Ausgabe des Economist diese Woche. (via) Wie konnte ein Land, das vor 100 Jahren zu den reichsten der Welt gehörte und Millionen Einwanderer anzog, so abstürzen?

“Weak institutions, nativist politicians, lazy dependence on a few assets and a persistent refusal to confront reality will do the trick.”

Lesenswert!

Economist-Titel: The parable of Argentina

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Unfähige Diebe

Heute mal ein kleiner Gastbeitrag von einem lieben Freund von mir, der am Wochenende in San Telmo unterwegs war:

In San Telmo sah ich mich Sonntag mittag plötzlich komplett mit grünem stinkendem Schleim besudelt, der von oben kam. Entweder war das ein Vogel, der seine Sympathie mit mir nicht auf andere Weise ausdrücken konnte. Oder eben die Diebe mit ihrer Standardmethode. Der Hut war voll, Rucksack und Hose. Sofort kam eine Passantin mit Taschentüchern. Sie hatte sogar eine Wasserflasche zum Anfeuchten dabei.

Blöde Situation, denn mir war einerseits klar, was gespielt wurde; aber ich wollte auch einer wirklich freundlichen Passantin keine Zurückweisung antun, sollte doch alles mit rechten Dingen zugehen. Also habe ich, besudelt, wie ich war, erstmal die Kamera verstaut und dann beobachtet, ob sie es denn schafft, das Portemonnaie aus dem Rucksackdeckel zu fingern, das ich dort für solche Zwecke deponiert habe. Das ist im Zuge des Gewisches und Abtupfens  aber nicht gelungen, obwohl dann noch ein Mann mit Tüchern dazu kam. An mein Portemonnaie an der Vordertasche kamen sie auch nicht ran. Scheint also ein guter Platz zu sein.

Wenig später, als ich in einem Hauseingang meine Sachen in Ruhe sauber gemacht habe, kam dann jemand raus, der mir erklärte, ich sei garantiert beklaut worden. Doch außer Dreck nichts gewesen. Die Diebe in San Telmo sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Armes Argentinien, Krise allerorten!

Wovon er da beinahe Opfer geworden wäre ist natürlich der “Mustard Scam”, ein Klassiker in Buenos Aires, insbesondere San Telmo und La Boca:

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Rodrigazo 2.0?

Seit Anfang des Jahres ist der bestgehasste Mann des Landes, der Staatssekretär für den Binnenmarkt und heimliche Wirtschaftsminister Guillermo Moreno, abgeschoben auf einen Posten in der argentinischen Botschaft in Rom. Er soll sich dort um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern kümmern.

Moreno war der Mann, der für die Fälschung der Inflationszahlen verantwortlich war, für die immer weiter verschärften Importbeschränkungen, für Preiskontrollen bei zunächst 500, inzwischen nur noch 100 wichtigen Produkten des täglichen Bedarfs und vieles mehr. Jede seiner Maßnahmen verschlimmbesserte im Grunde etwas, das er selbst mit vorherigen Entscheidungen ausgelöst hatte – so dass er meist nur Wochen später mit einem weiteren Dekret neue Einschränkungen verfügte.

Auch der alte Wirtschaftsminister ist Ende des letzten Jahres aus dem Kabinett ausgeschieden. Den kannten aber sowieso alle nur als den “Ich-will-weg”-Minister, seit er vor einem Jahr einer griechischen Journalistin auf die offenbar unbequeme Frage nach der Inflation nur mit “Me quiero ir” antwortete und das Interview abbrach.

Der neue Wirtschaftsminister ist der alte Vize, Axel Kicillof, und der hat offenbar noch einige Schwierigkeiten, eine Linie zu finden (oder ich hab noch Schwierigkeiten, sie zu erkennen). Denn man kann Moreno viel vorwerfen, aber seiner Linie ist er treu geblieben. Der neue hat in den letzten Tagen einige Entscheidungen rausgehauen, die mir nicht recht zusammenzupassen scheinen:

  • am Montag hieß es, für Einkäufe physischer Produkte (also nicht Apps, Musikdownloads, E-Books und dergleichen virtuelle Waren; ebenfalls ausgenommen sind Bücher für den Eigenbedarf, Medikamente mit Rezept sowie Kunstwerke) per Internet im Ausland müssten künftig ab einem Warenwert von 25 Dollar pro Jahr (!) eidesstattliche Erklärungen beim Finanzamt abgegeben sowie ein Einfuhrzoll von 50% abgeführt werden. Ohnehin sind für Privatleute nur noch zwei Einkäufe pro Kalenderjahr (!) gestattet, wer drüber liegt, muss sich als gewerblicher Importeur registrieren.
    Dies summiert sich zu den ohnehin bestehenden Sondersteuern auf den Einsatz von Kreditkarten im Ausland von derzeit 35%. Ein Produkt für 100 Dollar kostet den Käufer entsprechend 185. Hintergrund ist selbstverständlich der massive Devisenschwund der Zentralbank, die innerhalb von einem Jahr rund ein Drittel ihrer Bestände eingebüsst hat, weil die Argentinier angesichts des Wertverlusts der eigenen Währung immer neue Mittel und Wege finden – legal und illegal – ihr Geld in Sachwerten oder in ausländischer Währung anzulegen.
»Solange ich Präsidentin bin, müssen diejenigen, die auf Kosten von Abwertungen des Pesos Geschäfte machen wollen, auf eine andere Regierung warten.«
Die Königin am 6.5.2013
  • am Donnerstag wertete die Zentralbank (sicher in enger Abstimmung mit der Regierung) den argentinischen Peso massiv ab. Von einem offiziellen Umtauschkurs von 7,14 Pesos pro Dollar rutschte der Peso innerhalb eines Tages auf 8,00 (zeitweise sogar 8,30) gegenüber dem Dollar – eine Abwertung von 12% und innerhalb des Januar (bislang: -22,7%) die höchste seit der Wirtschaftskrise 2002. Auch dies sicher ein weiterer Versuch, Importe und den Einkauf im Ausland unattraktiv zu machen. Der Schwarzmarkt-Dollar “Dolar blue” machte die Abwertung nicht ganz so stark mit, liegt aber mit 13,10 Pesos pro Dollar heute ohnehin schon 60% über dem offiziellen Umtauschkurs.
Monatliche Abwertung des Peso gegenüber dem Dollar innerhalb der letzten zwei Jahre

Monatliche Abwertung des Peso gegenüber dem Dollar innerhalb der letzten zwei Jahre (letzter Monat Januar 2014 bis zum 23.1.)

  • am Freitag verkündeten dann Kabinettschef Jorge Capitanich und der schon erwähnte Kicillof, man habe sich entschieden, den Kauf von Dollar für Privatpersonen auch für Sparzwecke wieder zuzulassen. Begründung: der Dollar habe gegenüber dem Peso einen Wert erreicht, der “akzeptabel” sei, um die wirtschaftspolitischen Ziele der Regierung zu erreichen. Seit rund zwei Jahren bekamen nur Touristen bei Vorlage eines Reisetickets die Genehmigung für den Kauf einer begrenzten Menge Devisen zum offiziellen Umtauschkurs. Nach wie vor bleibt aber die Anmeldung und Genehmigung des Kaufs durch die Finanzbehörde AFIP erforderlich.

Hä? Um noch mal klarzustellen warum mich die letzte Entscheidung etwas irritiert: die Argentinier kaufen Devisen wie blöd. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich von Bekannten und Verwandten schon angehauen worden bin, ob ich als Ausländer nicht an Dollar oder Euro käme oder noch welche gebunkert hätte, die ich ihnen verkaufen könnte. Zum Preis des Dollar/Euro Blue, versteht sich, also dem Schwarzmarktkurs! Sie sind also bereit, sehr viel mehr Geld auszugeben, als die Devisen nach offizieller Lesart wert sind, entweder weil sie sonst gar nicht drankommen oder weil sie die wirtschaftliche Entwicklung hier derart schlecht einschätzen, dass der Aufschlag von über 60% (zeitweise auch noch deutlich mehr) gerechtfertigt sei.

Wie die Regierung jetzt darauf kommt, dass die Millionen Argentinier nicht sofort losrennen und Dollar für Sparzwecke zum offziellen Kurs von 8 Pesos kaufen, wenn sie sogar bereit sind, über 12 zu zahlen, erschließt sich mir nicht. Zumal man ja – wenn man denn tatsächlich dran kommt, was noch zu beweisen wäre – ein tolles, risikoloses Geschäft machen kann, indem man die Dollar sofort wieder auf dem Schwarzmarkt verkauft (auch wenn der dann flugs zusammenbrechen oder sich zumindest sehr an den offiziellen Wechselkurs annähern würde).

Während die Regierung also auf der einen Seite alles Undenkbare unternimmt, um den Abfluss von Devisen einzudämmen, leistet sie an dieser Stelle plötzlich Schützenhilfe? Glaub ich nicht. Denn der Flaschenhals Finanzbehörde besteht ja weiterhin. Bei der heutigen Ankündigung war nie die Rede davon, ab welchem deklarierten Einkommen denn der Kauf der Devisen gestattet ist. Alle, die in Zukunft also abschlägig beschieden werden, haben einfach nicht genug Einkommen deklariert. Die “Freigabe” wird also für die meisten Leute wahrscheinlich eine Ankündigung bleiben. Meint übrigens auch der ehemalige Zentralbankpräsident Aldo Pignanelli: “Bei der derzeitigen Marktlage ist es unmöglich, dass die Zentralbank den Devisenverkauf an Privatleute freigibt, weil die Nachfrage ungleich größer ist als das Angebot und die Reserven ohnehin bereits zu klein.”

Was diese konfuse Ankündigungspolitik allerdings schon bewirkt hat: Der Schwarzmarkt auf der Straße mit Leuten in den Fußgängerzonen, die “cambio, cambio” rufen und Touristen in “cuevas” führen, “Umtauschhöhlen” (meist winzige Büros in heruntergekommenen Bürogebäuden), ist de facto erstmal zusammengebrochen. Was Razzien und Kontrollen nicht erreicht haben: die Unsicherheit hat’s geschafft. Keiner weiß im Moment, zu welchem Preis der Dollar und der Euro in Zukunft verkauft werden.

Leider ist das nicht auf den Schwarzmarkt für Devisen beschränkt. Von gestern auf heute sind Geräte wie Klimaanlagen um 500 Pesos teurer geworden – und zwar selbst solche aus nationaler Produktion. Verkaufen will sie trotzdem niemand, weil die Händler nicht wissen, zu welchem Preis sie nachkaufen können. Reisen ins Ausland sind andererseits innerhalb eines Tages komplett unverkäuflich geworden. Auch die Reisebüros wissen nicht, mit welchen Preisen sie kalkulieren sollen und die Kunden scheuen das Risiko angesichts des stark schwindsüchtigen Peso. Etliche Geschäfte haben sogar komplett geschlossen, die Besitzer warten offenbar lieber ab, als zu einem zu günstigen Preis zu verkaufen. Andere schlagen vorsichtshalber 50 oder 100% auf die bisherigen Preise drauf. Man weiß ja nie.

Was die Regierung vermutlich auch erreichen wird ist, dass die Exporteure lieber noch ein bißchen mit der Ausfuhr warten, weil sie später ja mehr Pesos für ihre Dollar bekommen; andererseits werden sich die Importeure beeilen, möglichst schnell möglichst viel Ware ins Land zu bringen, weil sie morgen ja mehr kostet. Was zu einer weiteren Abwärtsspirale bei den Devisenreserven führt.

So ‘ne ähnliche Politik hat vor vierzig Jahren schon mal ein peronistischer Wirtschaftsminister gefahren. Auch Celestino Rodrigo wollte 1975 durch eine heftige Abwertung bestehende Ungleichgewichte in der Wirtschaft beseitigen. Was er jedoch erreichte war eine dreistellige Inflationsrate, fehlende Produkte einerseits, fehlende Kaufkraft andererseits. Diese Episode ging als als “Rodrigazo” in die Geschichte ein. Von einem “Kicillazo“, einem Rodrigazo auf Raten, ist in den Medien schon die Rede…

Rodrigo musste übrigens nach nur 49 Tagen im Amt aufgrund massiver Proteste gegen seine Politik zurücktreten. Vielleicht hat Kicillof ja vor, Rodrigo zu beerben. Ich glaube, noch liegt er im Zeitplan.

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Frohes Neues

FeuerwerkIch wünsche allen da draußen ein besseres 2014 als es das verflixte 13. Jahr dieses Jahrhunderts war. Es gibt aus meiner Sicht noch ‘ne Menge Optimierungspotenzial. Let’s pimp it. :-)

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Fromme Wünsche

Innerer Friede dürfte zu den frommen Wünschen der argentinischen Regierung gehören, die in letzter Zeit einige Probleme mit so genannten “saqueos” hatte, Plünderungen auf Supermärkte. Antje hat darüber schon aus erster Hand berichtet. Beamte dürfen hier wie in Deutschland auch nicht streiken. Um dennoch höhere Löhne duchzusetzen, haben die Polizisten in Córdoba einfach aufgehört, Streife zu fahren und offenbar auch auf Hilferufe nicht mehr reagiert – eine Einladung für Ladendiebe.

Nachdem die Polizisten in Córdoba auf diese Weise eine erhebliche Erhöhung ihrer Gehälter erstritten hatten, griff das allerdings um sich, und im ganzen Land blieben plötzlich die Polizisten auf ihrer Wache und überließen die Inhaber von Läden und Märkten ihrem Schicksal. Anwohner, die diesen zu Hilfe kommen wollten, wurden teilweise von den gut organisierten Diebesbanden mit Schusswaffen eingeschüchtert. Ein paar Tote hat’s in dem Zusammenhang auch gegeben. Der Inhaber des chinesischen Supermarkts hier in der Straße hat seitdem seine Söhne dazu verdonnert, am Eingang des Marktes Wache zu schieben, um möglichst schnell schließen zu können, wenn der Mob sich nähert. Weise Entscheidung, aber ob’s hilft…

Ein anderer Klassiker für fromme Wünsche ist natürlich Gesundheit, ohne die bekanntlich alles andere Nichts ist. Die wünsche ich von dieser Stelle mal insbesondere Antje und Raúl, die es dieses Jahr ziemlich gebeutelt hat. Und meinen Nichten und Neffen, die gerade die Windpocken und Magen-Darm-Grippe gleichzeitig haben. Haltet durch, das blöde Jahr mit der 13 im Namen ist bald vorbei!

Dem Volk hier in und um Buenos Aires drückt noch an ganz anderer Stelle der Schuh: hier ist es seit gut zwei Wochen richtig heiß, was zu hohen Stromverbräuchen (->Klimaanlagen!) führt. Und das wiederum führt dazu, dass an allen Ecken und Enden die Jahrzehnte alten Kabel und Trafos durchbrennen, die hier den Strom überirdisch verteilen. Zusätzlich zu den den ohnehin nur teilweise und provisorisch behobenen Schäden durch den Tornado vor drei Wochen.

Etliche Menschen haben so seit Tagen keinen Strom, weil es die Elektrizitätsgesellschaften auch nicht schaffen, kontrollierte Stromabschaltungen vorzunehmen (z.B. Viertelweise ein paar Stunden am Tag), was wahrscheinlich schon helfen würde. Stattdessen gibt’s ein paar Glückliche (wie uns), die fast ohne Unterbrechung Strom haben (ein paar Mal ein paar Stunden waren bisher alles), und andere, die – sofern sie nicht einen kleinen Generator für die wichtigsten Sachen besitzen – seit Tagen im Dunkeln und vor allem Heißen sitzen. Denn Schlafen ist bei Tiefsttemperaturen um 25° ohne wenigstens einen Ventilator ziemlich schwer, wenn sich das Haus den ganzen Tag über bei 35° und mehr aufgeheizt hat. Ok, Schlafen mit Generatorlärm vor dem Fenster ist auch nicht einfach.

Mein frommer Wunsch ist daher, dass uns der Strom nicht wegbleibt – und er bei den Nachbarn, die keinen haben, möglichst schnell wiederkommt. Frohe Weihnachten allen da draußen!

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