Update zu früheren Beiträgen: Weil sich auf politischer Ebene die Parteien noch zanken gibt’s da nicht viel Neues. Die Abgeordnetenkammer des Kongresses hat die Resolution 125 mit den erhöhten Ausfuhrzöllen wie erwartet bestätigt, allerdings ziemlich knapp (129 zu 122). Jetzt konzentriert sich alles auf den Senat. Aber auch dort hat das königliche Paar Kirchner eine deutliche Mehrheit…
And now to something completely different. Es gibt manchmal so Sachen, die mir im Alltag auffallen, die für mich als Deutschen erstmal überraschen. Deshalb führe ich heute eine neue Kategorie “Alltag” ein, in der ich Kleinigkeiten beschreibe, die normalerweise keinen Blogeintrag wert wären. Wie zum Beispiel Bahnübergänge.
Darüber macht man sich ja im Regelfall wenig Gedanken. Ist einfach eine Kreuzung von Bahnschienen mit einer Straße, manchmal einer Schranke, manchmal nur einem Andreaskreuz. Was ist schon dabei? In Deutschland und den umliegenden Ländern, die ich so kenne, in der Tat nicht viel. Hier aber sind das richtige Verkehrshindernisse.
Denn die Argentinier scheinen es nicht hinzukriegen, die Übergänge so zu bauen, dass nicht nur die Züge da einigemaßen unbeschadet drüber kommen, sondern auch die Autos. Bahnübergänge gehören hier zu echten Spaßbremsen auf den Straßen. Häufig kann man sie per Auto nur im Schritttempo überqueren, weil der Teer oder Zement zwischen den Schienen so uneben ist. Bremsen ist also angesagt, auch wenn weit und breit kein Zug kommt.
Hinzu kommt, dass die meisten Schienen hier ebenerdig verlegt sind, wie die Straßen auch. Das bedeutet, dass man nicht wie häufig in deutschen Ballungsgebieten per Tunnel oder Brücke drüber kommt oder gleich die Schienen höher legt, sondern sich manchmal ziemliche Staus an den Übergängen bilden, die sich nicht so leicht auflösen, weil ja selbst bei geöffneten Schranken nur Schritttempo möglich ist.
Da man sich hieran aber ziemlich schnell gewöhnt, denkt man nach einer Weile schon nicht mehr drüber nach. Ich hab es erst neulich bemerkt, als wir über einen frisch erneuerten Bahnübergang fuhren und kein Geruckel zu spüren war, sondern man flüssig und ohne Probleme auf der anderen Seite landete. Als ich mich schon freuen wollte und meiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass in nicht allzu ferner Zukunft alle Bahnübergänge wie dieser sein könnten, holte mich mein Schwiegervater Mario auf den Boden der Tatsachen zurück: “Warte mal ein, zwei Monate, dann ist nämlich wieder alles wie vorher.”
Ich hasse es, wenn sowas passiert. Vorgestern sag ich hü und heute hott und irgendwer erinnert sich dran, dass ich vorgestern hü gesagt habe und stellt mich damit bloß. Kann ich nicht leiden. Wenn anderen das passiert ist das was anderes. Insbesondere wenn es Leuten passiert, die heute mit einer Verve “hott” brüllen, dass man glaube könnte, sie hätten nie was anderes gesagt.
Seit knapp 100 Tagen geht das jetzt so: Täglich Nachrichten des Konflikts zwischen Bauern und Regierung und kein Ende in Sicht. Die Regierung steht auf dem Standpunkt, ihre Exportzollerhöhung sei vollauf berechtigt, schließlich verdienten die Bauern ja angesichts hoher Lebensmittelpreise auf den internationalen Märkten immer noch genug. Die Bauern reklamieren ihrerseits, dass ja nicht nur ihre Ver- sondern auch ihre Einkaufspreise für Saatgut, Düngemittel, Pestizide etc. und nicht zuletzt die Energiepreise gestiegen und sie deshalb auf die höheren Einnahmen angewiesen seien.
Geredet wird nicht miteinander, jedenfalls nicht offiziell, hinter den Kulissen mag das anders sein. Zu einem Ergebnis sind die Parteien bisher nicht gekommen. Nach wie vor blockieren die Bauern die Straßen für alle Lebensmitteltransporte, die für den Export bestimmt sind. Weil die LKW-Fahrer darüber sauer sind (und außerdem über ihre Gewerkschaft der Regierung nahestehen), blockieren sie ihrerseits die ganzen Straßen nach dem Motto: wenn ich nicht darf, darf keiner. Einzelnen Landwirten sind inzwischen auch die erntereifen Felder abgebrannt. Im Gegensatz zu den Feuern zur Nutzbarmachung als Rinderweiden sind diese sicher nicht von den Bauern selbst gelegt worden. Die Gerüchteküche brodelt, ob die Regierung oder ihr nahestehende Organisationen dahinterstecken.
Tatsächlich hat die Regierung heute zu einer großen Kundgebung auf der Plaza de Mayo vor dem Regierungsgebäude aufgerufen, “zur Verteidigung der Demokratie” wie es heißt. Komischerweise rufen nur Organisationen dazu auf, die traditionell der Regierung ohnehin nahestehen. Indem sie Unterstützer für sich demonstrieren lassen versucht das präsidentielle Ehepaar, noch ein bißchen ihrer Glaubwürdigkeit zu retten. Praktischerweise haben die Gewerkschaften (ebenfalls traditionell peronistisch) heute zum Generalstreik aufgerufen. Ein Generalstreik zur Unterstützung der Regierung, klar. Auf diese Weise kann jeder der möchte guten Gewissens um 15:00 der Regierung zujubeln.
Wie peinlich solche Veranstaltungen sind, merken die Regenten schon nicht mehr. Am 25. Mai, Tag der Unabhängigkeitserklärung von Spanien, wollte die Regierung mit großem Aufgebot ihren Einfluss und ihren Halt in der Bevölkerung demonstrieren, suchte sich dafür aber die Hauptstadt der dünnbesiedelten Nordwestprovinz Salta aus. Ergebnis: irgendwo zwischen 30.000 und 50.000 Menschen (von der eigenen Presse allerdings aufgeblasen auf bis zu 150.000).
Gleichzeitig demonstrierten die Campesinos in Rosario, dem Zentrum für landwirtschaftliche Exporte in alle Welt und brachten beeindruckende 300.000 Menschen auf die Straße. In den letzten Tagen lebten auch die Cacerolazos (von cacerola = Topf) wieder auf, eine etwas kindische Veranstaltung, bei der mit Töpfen, Pfannen und sonstigem Küchenwerkzeug auf die Straße gegangen und möglichst viel Krach geschlagen wird. Wenn Demokratie die Herrschaft des Volkes ist, müssten die Kirchners langsam einsehen, dass sie die Mehrheit ihres Volkes in der Frage der Exportsteuern schon seit einiger Zeit nicht mehr hinter sich haben.
Bis dahin gehen wohl die Proteste der Bauern wie auch der LKW-Fahrer weiter und die Versorgung mit Lebensmitteln und Treibstoff wird wieder schlechter. Und auch das verlängerte Wochenende, das wir gerne mal wegfahren würden, rückt in weite Ferne, weil alle Straßen dicht sind. Alle? Nein, es gibt da eine Möglichkeit… Eine Gegend, die gerade vom derzeitigen Dilemma erheblich profitiert und keine 100 km von hier weg ist. Geradezu paradiesisch ruhig. Ab nach Uruguay…
PS: Falls sich das so lesen sollte, als stünde ich uneingeschränkt auf Seiten der Bauern ist das ein Trugschluss. Ich finde, niemand sollte das Recht haben, Straßen aus Protest zu blockieren und die Regierung hätte schon viel früher Zeichen setzen und diese Blockaden unterbinden müssen, so wie das letzte Woche z.B. in Spanien geschehen ist. Denn es ist tatsächlich so, dass diejenigen, die derzeit die Straßen blockieren zu anderen Zeiten die ersten waren, die nach der Polizei gerufen haben, als Arbeitslose und Arme diese Form des Protests - hier als “piquetes” bekannt - weiträumig eingeführt haben.
Seit langem möchte ich schon mal was über die Medienlandschaft hier schreiben, aber das ist ein so weites Feld, dass ich nicht recht wußte, wo anfangen. Gestern hab ich mich aber so über die blöden Fernsehsender hier geärgert, dass ich jetzt endlich mal Dampf ablassen muss.
“Geburt eines neuen Staatenbunds: Vertreter von zwölf lateinamerikanischen Staaten haben die Gründungsurkunde der Unasur-Union unterzeichnet. Die neue Organisation wird von Beobachtern als lateinamerikanisches Pendant zur Europäischen Union gepriesen.”
Man sollte meinen, dass dies auch den hiesigen Medien eine Nachricht wert wäre, zumal auch Königin Cristina zur Gründungsfeier nach Brasilia gereist war. Aber nein. Nichts. In einer ganzen Stunde “Nachrichten”, nicht einmal erwähnt. Nicht mal in den Nachrichtentickern am Fuß des Bildschirms.
Okay, um fair zu bleiben, muss ich zugeben, dass ich nicht permanent auf den Bildschirm gestarrt habe. Aber wenn so ein Ding in der Blickrichtung hängt, ist es schwer, nicht alle paar Sekunden hinzugucken. Und die machen aus jeder Mücke einen Riesenelefanten, man verpasst also nicht viel, wenn man mal zwei Minuten nicht hinsieht. Die Nummer über den Zahnarzt war fast zehn Minuten lang.
Lustig sind auch die immer wieder eingeblendeten Riesenschlagzeilen “Última noticia” (letzte Nachricht) oder “Urgente” (Eilmeldung), unterlegt mit dramatischer Musik, die teilweise bis zu 20 Sekunden auf dem Bildschirm stehen bleiben. Gerade bei “Eilmeldung” möchte man ja eigentlich so schnell wie möglich zur Nachricht und nicht 20 Sekunden auf einen sonst leeren Bildschirm starren. Dann kommt aber wieder nur so ‘ne Geschichte wie “Tödlicher Unfall auf der Linie Roca” oder so. Was das Ganze nur noch lächerlicher macht.
Es ist leider symptomatisch, dass die “Nachrichten”sender (TN, 26noticias, Crónica und C5N) den Terminus “Nachricht” sehr eigenwillig interpretieren. Ist mehr die gesendete Ausgabe der Bild-Zeitung. Bei Crónica spiegelt sich das sogar in der gleichnamigen Zeitung wider. Viel Sex, Crime und Desaster, wenig Inhalt. Oh, und viel, viel Fußball.
Da lobt man sich doch das öffentlich rechtliche Fernsehen in D, wo man sich auf allen möglichen Sendern gut informieren kann. Ist hier übrigens auch nicht anders. Entgegen allen meinen Erwartungen hinsichtlich der Einflussnahme durch die Königin und ihr Gefolge, scheint der öffentliche Sender “Canal 7” die besten Nachrichten zu haben. Und der Kulturkanal “encuentro“, der vom Bildungsministerium finanziert wird, hat ein Programm irgendwo zwischen Arte (schöne Dokumentationen) und BR Alpha (Bildungsfernsehen) und ist insgesamt ganz ansehnlich.
Für aktuelle Information allerdings sind hier nur Radiosender im Mittelwellenbereich zu empfehlen. Die UKW-Sender taugen alle nur zum Abspielen der letzten Cumbia-Melodien. Mein schon erwähntes Telefon empfängt leider nur UKW, Mist. Tschiki-dumm, tschiki-dumm…
Das Schienennetz in Argentinien ist ziemlich marode. In den 1990er Jahren wurden tausende Streckenkilometer stillgelegt, weil die Gleise in unbefahrbarem Zustand waren und angeblich kein Geld da, um sie zu reparieren. Jetzt gibt’s Bewegung - allerdings nur für einen sehr kleinen, elitären Streckenabschnitt.
Zwischen Córdoba und Mar del Plata soll ein ein französischer TGV verkehren, mit zwei Zwischenstopps (in Rosario und Buenos Aires). Mit 320 km/h soll der neue Zug durch argentinische Lande brausen, weshalb er auch “tren bala” genannt wird, “Kugel-Zug” (im Sinne von: so schnell wie eine Kugel, nicht, weil er so aussähe). Kostenpunkt des Projekts: 5 Mrd. Dollar, hauptsächlich finanziert durch neue Auslandsschulden. Dafür würden rund 1000 Kilometer Bahnstrecke neu gebaut, die allerdings nur vom TGV benutzt werden könnten. Bei einem anvisierten Preis von 300 bis 400 Pesos für eine Fahrkarte ist sehr fraglich, ob das nicht ein gigantisches Verlustgeschäft wird.
Deshalb gibt es erhebliche Widerstände gegen das Projekt, das von Königin Cristina bei ihrem Besuch bei Nicolas Sarkozy in Frankreich im März besiegelt wurde. Der Gegenvorschlag lautet: 18.000 statt 1.000 Streckenkilometer, hunderte von Städten und Ortschaften anstelle von vier, 3,1 Mrd. Dollar anstelle von 5 Mrd., heimische Arbeitsplätze in der Produktion von Lokomotiven, Gleisen, Waggons anstelle des Imports all dieser Güter.
Ich kann nicht beurteilen, ob all diese Zahlen den Tatsachen entsprechen oder ob irgendjemand damit seine Agenda gegen die Regierung durchzudrücken versucht. Was mir allerdings einleuchtet ist, dass es in diesem Riesenland einen erheblich größeren Bedarf an Transportmitteln für Güter (z.B. Getreide, Soja) gibt, als für Menschen. Dieser Bedarf ist insbesondere in der Fläche groß, nicht in den Großstädten. Und das ist im Projekt der Regierung nicht berücksichtigt.
Deshalb unterstütze ich das Projekt “tren para todos” (Zug für alle). Meine letzte Zugfahrt von Buenos Aires nach Mar del Plata liegt zwar schon fast 13 Jahre zurück, aber ich kann mich lebhaft an überschwemmte Gleise, eine defekte Lok, stundenlangen Stillstand, schlechten Service und unbequeme Sitze erinnern. Und nach allem, was ich höre, ist die Situation seitdem nicht besser, eher schlechter geworden.
Die Einkaufszentren in Buenos Aires und Umgebung sind voll von mehr oder weniger teuren Markenartikelgeschäften: Pierre Cardin, Gucci, Adidas oder Franchise-Geschäfte nationaler Marken. Die Mieten in diesen Zentren dürften erheblich sein, daher gibt’s dort nichts wirklich günstig.
Wer seine Klamotten gern ein bißchen preiswerter kauft bzw. kaufen muss oder nicht gar so viel Wert auf die Marke mit den drei Streifen oder dem Swooosh legt, geht zum Boli-Shopping. Das sind meist alte Fabrikhallen mit Wellblechdach (durch das es an Regentagen durchaus hier und da reintropfen kann) in denen in langen Reihen einzelne Verkaufsbuden aufgebaut sind. Die Dinger sind selten breiter als vier bis fünf Meter und kaum tiefer als 2 Meter, aber es ist erstaunlich, was man auf diesem kleinen Raum alles unterbringen kann. Denn genutzt wird vor allem die Höhe.
Natürlich stapeln sich z.B. auf den Tresen der Verkaufsstände die Waren, außerdem hängt aber so etliches in drei bis fünf Meter Höhe. Man muss sich also ständig den Hals verrenken, um aufnehmen zu können, was sich da so alles bietet: Sportklamotten von Adidas bis Nike (ohne Echtheitszertifikat), sonstige Kleidung, Schuhe (genauso echt, wie die Klamotten), Parfums (nachgemacht), Musik-CDs, DVDs (raubkopiert), Lederartikel, kleine Haushaltswaren, Mobiltelefone und Elektronikartikel. Von letzteren hab ich vor Jahren mal einen Kassettenrecorder von “Sonyo” gesehen und ein Telefon von “Panasony”. Keine Ahnung, ob sich heute noch jemand die Mühe macht, die Markennamen so kunstvoll zu verbiegen.
Großer Vorteil der Boli-Shoppings ist also der Preis. Keine Markenrechte, kein Preisaufschlag. Bezahlt wird für den Wert des Materials und die Arbeitszeit, die in die Herstellung geflossen ist. Eine “Adidas”-Sporthose: 35 Pesos (rund 7 Euro), ein Fleece-Sweater: 48 Pesos (knapp 10 Euro), ein paar Wollhandschuhe: 15 Pesos (3 Euro). Schuhe sind nicht unbedingt empfehlenswert, meist sind die Sohlen plan und bieten keinerlei Halt für den Fuss (auch wenn die Schuhe ansonsten kunstvoll an die Originale angepasst sind; besonders angesagt scheinen “Nike”-Air-Imitate).
Warum aber heißen die Dinger Boli-Shopping? Die ersten, die dieses Konzept der Markenpiraterie konsequent umgesetzt haben, waren angeblich Bolivianische Einwanderer. Ein Großteil der Ware, die hier verkauft wird, wird von meist illegalen bolivianischen Einwanderern hergestellt - zu Hungerlöhnen und nicht selten in einer Form von Sklavenarbeit. 18 bis 20 Stunden arbeiten die Näherinnen in den nach Schätzungen 4000 illegalen Nähstuben in und um Buenos Aires angeblich täglich, schlafen unter ihren Maschinen, erhalten wenig Lohn für den harten Job, geschweige denn Sozialleistungen. Hunger und Armut in Südamerikas ärmstem Land treibt immer neue Menschen in die Nachbarländer, gelockt von falschen Versprechungen leben sie als Illegale in einer Parallelwelt. Nicht unähnlich der Parallelwelt, in der Osteuropäerinnen in der westeuropäischen Liebesbranche leben.
Es gibt übrigens noch zwei weitere Volksgruppen, denen in ähnlicher Weise ganze Wirtschaftszweige zugeschrieben werden: die Koreaner haben im Zentrum von Buenos Aires den Großhandel mit Kleidung und allerlei Nippes erobert. Im Viertel “Once”, das traditionell von Juden bevölkert war, gibt es ganze Straßenzüge, die von der “venta x mayor” leben (”Verkauf in Großhandelsmengen”, das x wird dabei wie “por” ausgesprochen). Was früher angeblich fest in jüdischen Händen war, wird heute von Koreanern betrieben (die im Übrigen nicht selten die Betreiber der Nähstuben der Bolivianer sind).
Die Chinesen wiederum haben die Billigsupermärkte übernommen. Hier gibt es keine Ketten wie Aldi, Lidl oder Penny, in denen direkt von der Palette verkauft wird. Die großen Markensupermärkte haben kaum Eigenmarken, sondern fast ausschließlich Produkte von Drittherstellern mit deren Marken, die entsprechend ein bißchen teurer sind. “Beim Chinesen”, wie es hier heißt, gibt es die gleichen Produkte gelegentlich erheblich billiger. Allerdings darf man in so einem China-Supermarkt keine Frage haben (”Haben sie Aluminiumfolie?”), weil man daraufhin von der Küchenrolle bis zur Serviette so ziemlich alles gezeigt bekommt, was ungefähr in die Küche passt und platt oder aufgerollt ist. Denn von Spanisch verstehen die Chinesen offenbar nur die Zahlen.
Schade, schade. Die Macher von Argentinien.aktuell haben sich entschieden, im größeren Nachrichten-Angebot der argentinischen Wirtschaftszeitung Apertura aufzugehen. Leider gibt es dort keinerlei RSS-Feed, den man ins eigene Angebot einbinden könnte, so wie ich das bisher mit den Nachrichten von Argentinien.aktuell gemacht habe. Den gab es bei der alten Website eigentlich auch nicht, aber mit Hilfe von Ponyfish konnte man sich wenigstens einen basteln.
Auf der Seite von Apertura sind die deutschsprachigen Nachrichten so mit denen in spanisch, englisch und portugiesisch vermischt, dass das ein heilloses Durcheinander gäbe und die deutschen Inhalte wahrscheinlich gar nicht mehr auftauchen würden. So bleibt mir nur noch die Möglichkeit, eine Google-News-Suche einzubinden. Das ist weit weniger attraktiv, weil dabei etliches doppelt erscheint und eine Unmenge an Sportberichten reinrutscht, die mich eigentlich gar nicht interessieren (hab versucht, die weitgehend auszuschließen, aber ganz gelingt das nicht).
Liebe Macher von Argentinien.aktuell, falls ihr das hier lest, überzeugt doch Apertura bitte, sprachlich getrennte RSS-Feeds anzubieten. Danke schön.
PS: Falls jemand nicht weiß, was RSS-Feeds sind, bei der Wikipedia gibt es eine schöne Erklärung.
“Buenos Aires” heißt wörtlich übersetzt “gute Lüfte”. Im Moment könnte nichts weiter entfernt von der Wahrheit sein. Seit Tagen hängt eine dicke Rauchwolke über dem gesamten Großraum Buenos Aires vom knapp 300 Kilometer entfernten Rosario in der einen zum 200 Kilometer entfernten Montevideo in die andere Richtung und es sieht nicht so aus, als ob sich der Qualm bald verflüchtigt.
Im Gegenteil, heute mussten die Flughäfen und einige Straßen gesperrt werden, weil man kaum noch was sehen konnte. Bereits in den vergangenen Tagen sind auf den Straßen Richtung Norden mehrere Personen bei Mehrfach-Auffahrunfällen ums Leben gekommen, als sich Busse, Lastwagen und PKWs ineinandergeschoben haben.
Grund des Qualms sind über 60.000 Hektar brennende Weideflächen auf den Inseln im Delta des Paraná und Uruguay. Regelmäßig um diese Jahreszeit stecken einige Bauern hier ihre Weiden in Brand, um durch die Asche den Boden zu düngen. Im Frühjahr wächst dann das Gras um so besser. Das ist nicht mal illegal, sofern es angemeldet wird.
So schlimm wie dieses Jahr war es allerdings offenbar noch nie. Einerseits sind die brennenden Flächen erheblich größer als früher. Andererseits zieht der Qualm nicht ab. Eine Inversionswetterlage sorgt dafür, dass sich der ganze Rauch hier unten staut, statt durch den Wind wenigstens ein bißchen verteilt zu werden.
Das Ergebnis: Kratzen im Hals, brennende Augen, stinkende Klamotten. Wer den Selbstversuch starten möchte, zünde sich ein Lagerfeuer an, lege einen schön feuchten Scheit auf und setze sich genau in den Qualm. Wer länger als 1 Minute durchhält, ist fit für die gute Luft hier.
Richtig ärgerlich wird das Ganze, weil man nicht entkommen kann - der Gestank ist einfach überall. Die Häuser hier sind bei weitem nicht so gut abgedichtet wie in Deutschland, das heißt, selbst wenn man alle Türen und Fenster verrammelt - irgendwie dringt der beißende Geruch trotzdem ein. Tagsüber geht’s hier im Süden von Buenos Aires einigermaßen, aber nachts ist es einfach unerträglich.
Nach gut einer Woche Debatte in den Medien und den schon erwähnten Unfällen, haben sich heute endlich die zuständigen Stellen sowohl der Provinzen wie der Bundesregierung dazu durchgerungen, sich mit dem Problem zu befassen. Der Regierung kommt das Thema nicht mal ungelegen, weil sich dadurch eine neue Gelegenheit bietet, auf die vaterlandslosen Gesellen einzudreschen, die hier die Ackerkrume bewirtschaften und keinerlei soziales Gewissen haben, wenn es um ihren Profit geht. Sagt die Regierung. Was die Vertreter der Landwirtschaft natürlich sofort als durchsichtiges politisches Manöver brandmarkten, das ihnen die Unterstützung durch die Bevölkerung beim Kampf gegen die Anhebung der Exportzölle entziehen solle. Schall und Rauch, wie üblich.
Gelöst haben sie natürlich nichts. Bislang brennen die rund 300 Feuer weiter und die Versuche der - hier ausschließlich freiwilligen - Feuerwehr mit ihren begrenzten Gerätschaften die Flammen zu löschen werden sich wohl noch eine Weile hinziehen.
Bis dahin: Kennt irgendjemand einen Regentanz?
Update 18.4.: Am bisher schlimmsten Tag macht meine neue Lieblingszeitung “CrÃtica de la Argentina” mit diesem hübschen Titelblatt auf:
Außerdem werden heute Stimmen lauter, die der Regierung Heuchelei vorwerfen. Seit Jahren brennen um diese Zeit die Felder in der Region. Nur hat der Wind den Qualm bislang nicht nach Buenos Aires getrieben, sondern in andere Richtungen. Der Aufschrei blieb entsprechend leise. Jetzt, wo ein Großraum mit mehr als 13 Millionen Einwohnern (und nicht zuletzt sie selbst) betroffen ist, spricht plötzlich auch die Präsidentin davon, dass dies ein unhaltbarer Zustand sei.
Argentinien ist ein reiches Land. Reich vor allem an fruchtbarem Boden und landwirtschaftlichen Produkten von hoher Qualität. Wer kennt nicht die weltberühmten argentinischen Steaks? Okay, ihr Vegetarier nicht. Dafür kennt ihr vielleicht Äpfel, Birnen, Trauben aus argentinischer Produktion. Cornflakes, Popcorn werden häufig aus argentinischem Mais hergestellt.
Umso erstaunlicher also, dass uns hier demnächst eine Hungersnot droht. Nicht, weil keine Nahrungsmittel da wären wie in so manchem anderen Land. Sondern weil sich Regierung und Bauern derart in ihren Schützengräben verschanzt zu haben scheinen, dass im Moment keine Lösung der Krise in Aussicht ist.
Es fing vor etwas mehr als zwei Wochen damit an, dass die Regierung die ohnehin hohen Exportzölle auf landwirtschaftliche Produkte von damals um die 30% auf saftige 45% erhöhte. Exportzölle, ja. Wenn man aus dem Exportweltmeisterland kommt, kann man sowas ja gar nicht glauben. Hier werden Ausfuhrzölle auf die Produkte aufgeschlagen, um damit die inländischen Nahrungsmittelpreise zu subventionieren. Denn das macht einerseits die Ausfuhr unattraktiver für die Produzenten (was zum Beispiel im Fall des Fleischs durchaus beabsichtigt scheint), andererseits bringt es dem Staat Geld ein, mit dem u.a. den Landwirten und Nahrungsproduzenten Ausgleichszahlungen dafür gewährt werden, dass sie essentielle Produkte wie Fleisch, Milch, Mehl etc. zu günstigen Preisen auf dem Inlandsmarkt anbieten.
Bislang gab’s darum auch wenig Diskussion. Die argentinischen Landwirte - insbesondere die Großgrundbesitzer mit mehreren tausend Hektar Land - verdienten auch trotz 30% hohen Exportzöllen immer noch prächtig, vor allem am Anbau und der Ausfuhr von Soja oder Sojaprodukten wie Öl, Sojamehl (Tierfutter!) oder neuerdings Biodiesel. Dagegen hat hier niemand was, denn Soja isst der Argentinier nicht, allenfalls in sekundärer Form als Geflügel, Schwein oder Rind.
Mit der Erhöhung der “Retenciones” hat die Regierung des “präsidentiellen Ehepaars” Kirchner jetzt allerdings den Bogen überspannt. Die Bauern verhalten sich plötzlich renitent und sperren landesweit wichtige Verbindungsstraßen für sämtliche Nahrungsmittellieferungen in die großen Städte. Das Sperren von Straßen hat hier Tradition, das machen die so genannten “Piqueteros”, Gruppen von Arbeitslosen und Armen, schon seit Jahren, um Forderungen durchzusetzen. Im Fall der Piqueteros wird das auch meist ohne weiteres geduldet, weil sie in der Regel der peronistischen Bewegung nahestehen.
Die Großbauern hingegen zählen zum politischen Gegner - dementsprechend die Reaktion von offizieller Seite. Bevor die Straßensperren nicht aufgehoben würden, gebe es keine Gespräche. Wenn das nicht bald geschehe, werde die Ausfuhr von Fleisch verboten. Und überhaupt bleibe es bei der Erhöhung der Zölle. Basta. Sagt Königin Cristina.
Wozu dann Reden? Fragen sich zurecht die Bauern, und protestieren weiter. Denn die Zölle treffen bei weitem nicht nur die Großbauern, sondern auch viele, viele kleine (was hier so klein ist: weniger als 200 Hektar oder unter 100 Kühe). Und die sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Nicht alle davon profitieren im Übrigen von hohen Sojapreisen, weil der eine oder andere auch was anderes anbaut.
Inzwischen sind wir soweit, dass in den Supermärkten vielfach nur noch Reste von Fleisch zu finden sind, keine frische Milch mehr und auch Dinge wie Mehl, Obst und Gemüse knapp werden. Die Auswahl zumindest wird schon kleiner.
Derweil prügeln sich auf den Straßen die demonstrierenden Bauern und Sympathisanten mit Schlägertrupps der Piquetero-Fraktion oder sogar die sozialistischen Piqueteros (die den Bauern nahestehen) mit den peronistischen (die neulich nach der schon zitierten Rede der Präsidentin mit dem Schlachtruf “runter von unserer Plaza de Mayo” “ihren” Platz gegen spontan Töpfe schlagende Bewohner von Buenos Aires verteidigten). Klassenkampf zum Anfassen.
Noch nagen wir nicht am Hungertuch, aber wenn die beiden Parteien so weitermachen, wird’s bald dünne. Also schickt schon mal die Care-Pakete, die brauchen ja ‘ne Weile. Ich mag Gummibärchen!
Meine bisherigen Abenteuer im argentinischen Behördendschungel liegen schon derart lange zurück, dass ich erstmal nachschauen musste, was ich damals eigentlich alles geschrieben habe. Der letzte Eintrag endet damit, dass es 90 bis 120 Tage dauern sollte, bis das Dokument abholbereit sei. Von wegen.
Nach 90 Tagen zum ersten Mal angerufen: Nein, aus dem September seien noch überhaupt keine Dokumente ausgegeben. Einen Monat später das gleiche Spiel. Und wieder einen später nochmal. Das Blöde ist, dass man ohne DNI hier ziemlich aufgeschmissen ist und viele Dinge gar nicht in Anspruch nehmen kann (und sei es nur einen Vertrag für ein Mobiltelefon abschließen).
Deshalb haben wir was typisch argentinisches gemacht: Bekannte um Rat und Einflussnahme gebeten. Ohne in die Details zu gehen, wer da jetzt was genau beeinflusst hat: Zwei Wochen später war der Ausweis abholbereit. Keinerlei Wartezeit, direkte Bedienung am Schalter, an den wartenden Chinesen, Peruanos und wer weiß welchen anderen Nationalitäten vorbei, die wahrscheinlich entsprechend sauer waren, aber nix gesagt haben.
Und jetzt bin ich endlich auch eine Nummer: 94.164.099. Hurra!