Me llaman Jorge

Auslandspost

November 4, 2009 · 1 Kommentar

Ich hab vor kurzem was online bestellt bei einem großen Versandhändler aus Seattle, Washington. Der deutschen Filiale um genau zu sein. War billiger, als das gleiche Produkt hier in Argentinien zu kaufen. Erheblich billiger. Und dieser Versandhändler hat – entgegen vielen anderen Online-Händlern in Deutschland – kein Problem damit, auch entlegene Weltregionen mit seinen Produkten zu bedienen.

Ich war also in freudiger Erwartung, als ich im Briefkasten einen Zettel zur Abholung fand. Dachte schon, is ja prima, nicht mal Einfuhrzoll muss man zahlen. Nur zur Post zum Abholen muss ich noch. Denkste. Denn bei der Post gab es nicht etwa das Päckchen, das ich erwartet hatte, sondern nur einen weiteren Abholschein für das Hauptpostamt im Zentrum, Ecke Avenida Antartida Argentina und Letonia.

Heute sind wir also dorthin gegurkt, was bei den derzeit täglich stattfindenden Straßensperren durch irgendwelche Protestler wahrlich keine Freude ist. Ständig wird man mit 20 fahnenschwenkenden Idioten konfrontiert, die wegen irgendwelcher Ungerechtigkeiten der Welt komplette Straßenzüge und selbst Autobahnen sperren. Bevorzugt solche, die besonders befahren sind, logisch.

Schild beim Hauptpostamt für Auslandspost

Schild beim Hauptpostamt für Auslandspost

Wider Erwarten haben wir es aber ohne größere Schwierigkeiten bis zum Hauptpostamt geschafft und dort sogar einen Parkplatz ergattert. Drinnen angekommen begrüßte uns aber zunächst mal ein Schild (s.o.), auf dem der weitere Vorgang beschrieben stand:

  1. Nummer ziehen und warten.
  2. Am Schalter der Post den Abholschein und den Personalausweis vorzeigen, eine „Lagergebühr“ von 2 Pesos pro Tag seit dem vierten Tag nach der ersten Benachrichtigung (ich weiß, muss man mehrmals lesen) entrichten.
  3. Mit einem neuen Zettel in den Zollbereich weitergehen. Dort wird die Sendung geöffnet und die Einfuhrpolice ausgestellt.
  4. Nach Überprüfung der Sendung weiter zur Filiale der Banco de la Nación zur Entrichtung der fälligen Einfuhrzölle und sonstiger Gebühren.
  5. Mit dem Beleg über die Zahlung der Gebühren zurück zum Sektor der Auslieferung der Ware.

Macht erstmal Angst. Noch mehr Angst, wenn man ankommt, der Zähler bei der ersten Stelle 31 zeigt und man die Nummer 67 zieht. Wir hatten also gute 30 Nummern vor uns und zu Anfang ging es kaum vorwärts. Irgendwann schienen dann aber irgendwelche Kollegen aus dem Mittagsschlaf erwacht zu sein, jedenfalls waren plötzlich alle drei Schalter besetzt und in „nur“ einer dreiviertel Stunde hatten wir Punkt 2 abgehakt. Super, dachte ich, fehlen nur noch drei; bis Feierabend sind wir fertig.

Abholzettel für den Zoll

Abholzettel für den Zoll

Weiter zur nächsten Haltestelle. Wieder eine Halle, wieder Warten. Wieder mit einer Nummer, allerdings diesmal sechsstellig (s.Bild). In unregelmäßigen Abständen sprach Gott aus unsichtbaren Lautsprechern zu uns und nannte uns in rasender Folge sechsstellige Nummern, woraufhin einige der Wartenden aufsprangen und durch eine Drehschranke und eine Tür verschwanden.

Nachdem der dritte Schwung von Leuten hinter dieser Tür verschwunden war und keiner wieder auftauchte, begann ich schon, mir Sorgen zu machen. Nach erstaunlich kurzem Warten von vielleicht 20 Minuten kam aber schon das erlösende „Quinientoscincuentaynuevemilquinientosveintidos“ und wir traten erwartungsvoll durch Drehtür und Tür. Nur um uns vor einer weiteren Tür zu finden. Mangels Alternativen gingen wir also auch durch diese und fanden uns in einem langen Gang mit Tresen an der gegenüberliegenden Seite. Dort stand Gott mit seinem Mikrofon und las weitere Nummern vor.

Ohne das von mir erwartete Brimborium händigte er mir mein Päckchen aus und wies mich zum Ende des Ganges. Dort war der Ausgang. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Tatsächlich kein Einfuhrzoll! Aber ganz ohne Formalitäten wollten sie mich dann doch nicht gehen lassen. Am Ausgang hielt mir eine freundliche Dame noch einen Zettel hin, auf dem ich den Empfang meines Päckchens nochmals durch Unterschrift bestätigen musste. Aber dann waren wir tatsächlich schon nach knapp über einer Stunde wieder draußen.

Auf dem Rückweg wären wir dann beinahe doch noch in eine Straßensperre geraten, aber zum Glück waren wir durch freundliche Mitmenschen schon gewarnt worden. So hatten wir auf der anderen Ausfallstraße nur erheblichen Verkehr im Stop-and-Go, was aber immer noch besser ist als gar nicht vorwärts zu kommen oder sich inmitten einer Horde knüppelschwingender Großstadtguerilleros wiederzufinden, die aus Frust oder Lust an der Gewalt auf dein Auto eintrommeln.

Jetzt, am Ende des Tages, hätte ich da nur noch eine Frage: Wenn’s bloß drum ging von mir eine Unterschrift zu bekommen, hättet ihr dafür nicht einen Postboten vorbeischicken können?

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Bundestagswahl aus dem Ausland

September 28, 2009 · 1 Kommentar

Angeblich kann man als Deutscher im Ausland ja an den Bundestagswahlen teilnehmen. Dazu muss man sich in der Gemeinde, in der man vor seinem Fortzug gelebt hat, als Auslandsdeutscher registrieren. Dazu gibt’s ein Formular, das ich schon vor mehreren Wochen abgeschickt habe.

Allerdings hab ich das – mangels anderer Informationen auf der Website des Bundeswahlleiters zum damaligen Zeitpunkt – an den Senat der Hansestadt Hamburg geschickt, wie das in der Gemeindesuche angegeben ist. Heute sehe ich, dass nach der normalen Gemeindesuche für die Städte Berlin und Hamburg noch zwei Extra-Links angelegt worden sind, die direkt die Anschriften der Wahlkreisbüros enthalten. Danke, das wäre schon vor Wochen sehr hilfreich gewesen.

Denn der Hamburger Senat hat’s offenbar nicht geschafft, meinen Antrag mal eben ans Wahlkreisbüro 21 (Eimsbüttel) weiterzuleiten. Oder die haben es nicht geschafft, mir meinen Wahlschein zuzuschicken. Wie auch immer: Ich hätte gerne mitgewählt und durfte nicht. Und dann wundern die sich über niedrige Wahlbeteiligungen. Grrr.

Mich würde ja interessieren, ob das noch anderen so gegangen ist.

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2 Jahre BA

September 16, 2009 · Kommentar schreiben

Wir sind inzwischen fast auf den Tag genau 2 Jahre hier in BA. Für eine Bilanz braucht man ja eigentlich nur ein Wirtschaftsjahr, ich bin aber auch nach zwei noch nicht in der Lage wirklich Bilanz zu ziehen. Es gibt immer noch Dinge, die mich überraschen, aber es werden weniger. Trotzdem hier mal ein Kurz-Überblick über die bisherigen Erfahrungen.

Zuerst mal: Wir haben nach viel längerer Suche, als eigentlich beabsichtigt einen komfortablen eigenen Wohnsitz gefunden, was für Menschen, die wie wir von zuhause arbeiten, sehr viel wert ist. Glücklicherweise müssen wir uns nicht täglich in den Strom von Menschen einreihen, die in die Innenstadt und wieder zurück pendeln. Dann wäre der Wohnsitz hier in Lomas de Zamora unglücklich gewählt, denn die Teilnahme am Verkehr in dieser Riesenstadt ist eine wahre Herausforderung (siehe die Abenteuer Bus- und S-Bahnfahrt). Über die Herausforderungen Bürokratie und Bankwesen hab ich an anderer Stelle ja auch schon berichtet.

Hauptsache gesund

Die Krankenversorgung hingegen ist sehr gut – wenn man sie bezahlen kann – und viel Zeit hat. In den seltensten Fällen hat nämlich ein Orthopäde ein Röntgengerät in seiner Praxis sondern schickt einen zu einer Röntgenpraxis (wo man auch erstmal einen Termin vereinbaren muss und, wenn man Pech hat, später nochmal hin muss, um den Befund abzuholen). Zur Blutuntersuchung muss man persönlich ins Labor – und hinterher die Ergebnisse wieder abholen. Postversand? Unbekannt.

Wer nicht zahlen kann (und viele Argentinier haben keine Krankenversicherung) erhält dennoch eine Grundversorgung über die staatlichen Krankenhäuser und Polikliniken. Das System haben Weltbank und IWF zum Glück in den ‘90ern nicht kaputtgekriegt, auch wenn sie’s versucht haben. Die Versorgung ist in Einzelfällen offenbar sogar umfassender als die, die man als Kassenpatient in Deutschland erwarten darf (siehe TV-Reportage Kasse gegen Privat). Eine PET-Untersuchung kriegt hier auch ein Krebspatient, der nicht versichert ist – wenn auch erst nach entsprechender Wartezeit.

Ja, diese öffentlichen Kliniken sind überlaufen, unterfinanziert und schlecht ausgestattet – aber man findet dort ungeheuer erfahrene Ärzte, von denen jeder täglich zig Patienten behandelt. In Privatkliniken, die das System abrunden, sind die Ärzte vielleicht theoretisch besser ausgebildet und haben mehr Ressourcen hinsichtlich Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. An Praxiserfahrung können sich die meisten allerdings kaum mit denen im öffentlichen System messen.

Klassengesellschaft

In dieser Hinsicht ist Argentinien also eine Klassengesellschaft und in vielerlei anderer Hinsicht auch. Es gibt genaue Abstufungen in der Hierarchie der Kasten und es dürfte eher selten vorkommen, dass jemand die Kaste wechselt. Das ist vielleicht für mich am schwierigsten zu akzeptieren, weil das in Deutschland ja noch nicht ganz so extrem ist. Aber Klassenmedizin (siehe nochmal der TV-Beitrag „Kasse gegen Privat“) und -bildung gibt’s ja auch da schon.

Mit dieser Klassengesellschaft hängt leider auch ein gravierender Nachteil des Lebens in dieser Stadt zusammen: die große Unsicherheit. Die Kriminalität wird von vielen Menschen als das Hauptproblem benannt, dem sich die Politik annehmen müsste.

Kann sein, dass das durch die Medien noch aufgebauscht wird, weil viele Sendungen gerade der 24-Stunden-Nachrichtensender aus kaum etwas anderem bestehen als der Berichterstattung über Unfälle, Raubzüge, Unglücke und Morde (neben Fußball natürlich). Gerade der Konsum von sehr zerstörerischen Billigdrogen wie „Paco“ oder neuerdings „Aceto“ in den Armenvierteln führt aber für viele Jugendliche in die Beschaffungskriminalität. Verbunden mit der durch die Drogen abnehmenden Fähigkeit zu Mitleid oder Empathie verlaufen viele dieser Delikte extrem gewalttätig.

Wir persönlich sind zum Glück bislang ohne eigene Erfahrungen in dieser Hinsicht, fanden uns aber vor kurzem mitten am Tag in einer Polizeiaktion wieder. Bei unseren Nachbarn hatten drei Jungs versucht das Auto zu stehlen, als eine der Töchter es gerade in die Einfahrt fuhr. Lief glücklicherweise alles glimpflich ab. Die Täter wurden allerdings nicht gefasst. Der Blick die Straße rauf und runter ist uns seitdem zur Gewohnheit geworden, bevor wir die Haustüre aufschließen.

Überraschungen

Erstaunlich finde ich dagegen immer wieder den Erfindungs- und Einfallsreichtum der Argentinier und was für merkwürdige Geschäftsmodelle hier zu funktionieren scheinen. Ein Laden für alle Arten von Fernbedienungen (und sonst nix!) zum Beispiel, der seit Jahren existiert. Oder der Mann, der ebenfalls seit Jahren tagein, tagaus mit seinem Fahrrad durch unser Viertel fährt, auf seiner Trillerpfeife bläst und mit rauchiger, verbrauchter Stimme „HAY CHURROS“ brüllt. Ich hab noch nie jemand was bei ihm kaufen sehen (und den leisen Verdacht, dass der noch was anderes im Angebot hat als Churros).

Kleine Tante-Emma-Läden bieten hier alle zwei Straßen den großen Hypermarktketten Walmart, Carrefour, COTO und Co. erfolgreich Paroli und ersparen es einem, wegen einem Liter Milch oder ein paar Eiern durch einen riesigen Supermarkt zu hecheln. Und die Bedienung dort kennt ihre Kundschaft zum Teil seit Jahrzehnten, entsprechend herzlich ist das Verhältnis. Anschreiben, wenn man gerade kein Geld dabei hat, ist kein Problem.

Überraschend finde ich auch immer noch einige Verzerrungen bei Preisen für Grundbedürfnisartikel. Zum Beispiel wenn ich auf dem Kassenzettel im Supermarkt sehe, dass die Packung mit acht Rollen Klopapier das Teuerste ist, was ich eingekauft habe (und es nicht das super-luxusweiche-4lagige!). Oder ich für ein Kilo Eiscreme bis zu 50 Pesos hinlegen muss. Während andererseits Dinge wie zwei Kilo Saftorangen nur sechs Pesos kosten und 30 Eier gerade mal zehn. Ich weiß, in Deutschland hab ich auch selten mehr als 10 Eier auf einmal gekauft, aber hier kaufen wir in letzter Zeit regelmäßig die 30-Eier-Paletten – und verbrauchen sie auch. Und meinem Cholesterinspiegel geht’s gut, danke der Nachfrage.

Man lernt nie aus

Gestern habe ich gelernt, dass man Plastikdübel (heißen hier übrigens einfach „Fischer“) in Wänden auch durch einen Zahnstocher oder ein anderes dünnes Holzstück ersetzen kann. Sowas kennt ein Erste-Welt-Kind wie ich ja nicht. Ich würde das nicht uneingeschränkt empfehlen, aber es scheint bei geringer Belastung zu funktionieren. Und mein Schwiegervater repariert nahezu alles mit einem Zwei-Komponenten-Klebstoff, der so ähnlich formbar ist wie Knete, aber nach dem Trocknen so fest wird wie Metall. Sieht nicht schön aus, hält aber. Meistens. :-)

So hält Argentinien auch nach zwei Jahren noch mancherlei Überraschung bereit und das wird so schnell glaube ich auch nicht aufhören. Wir haben seit kurzem auch einen mobilen Untersatz und werden sicher demnächst mal die nähere und fernere Umgebung der Hauptstadt erkunden. Da gibt’s noch viel zu entdecken. So long!

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Wetterumschwung

August 14, 2009 · Kommentar schreiben

Ich weiß, ich weiß. Wochenlang schreibe ich hier gar nichts und dann geht’s ums Wetter. Es ist nicht so, dass ich keine Themen mehr hätte. Mir fehlt die Zeit, all das aufzuschreiben, was ich gerne möchte, und manches ist dann schon überholt. Sorry.

Zum Thema: Winter in Buenos Aires ist nicht wie Winter in Deutschland. Nachts wird’s manchmal empfindlich kalt (auch Minustemperaturen sind in den Außenbezirken schon mal drin), aber tagsüber steigen die Temperaturen dann doch meist auf 10° oder mehr, vor allem, wenn die Sonne scheint. Abgesehen davon ist der Winter auch ziemlich kurz. Dieses Jahr war der Juli ziemlich kalt (im Vergleich zum letzten). Heute hatten wir dafür schon wieder 29°C, morgen sollen’s nochmal 27° werden!

Wie gesagt, tagsüber. Denn meist stürzen die Temperaturen mit dem Sonnenuntergang ziemlich steil ab. 10° Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht sind kein Sonderfall. Was uns aber an diesem Wochenende laut Wettervorhersage bevorsteht ist schon heftig:

Temperatursturz: von 27° auf 11° in 24 Stunden.

Temperatursturz: von 27° auf 11° in 24 Stunden.

Von einer Höchsttemperatur von 27° morgen (Samstag) rutschen wir ab auf eine Höchsttemperatur von nur noch 11° am Sonntag. Selbst die Tiefsttemperatur morgen liegt noch 10° über der Höchsttemperatur am folgenden Tag. Wird offenbar auch wieder ordentlich gewittern und schütten wie aus Eimern.

Zu erklären ist das nur mit der Tatsache, dass sich der Wind dreht:

Der Wind dreht: von Nord nach Süd

Der Wind dreht: von Nord nach Süd

Toll für meine Erkältung. Die wird sich richtig gut erholen. Schönes Wochenende!

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Glyphosat-Verbot?

Juni 24, 2009 · Kommentar schreiben

Bei mir sind in den vergangenen Tagen mehrfach Fragen eingegangen nach einem Verbotsverfahren von Glyphosat, das es hier seit knapp 2 Monaten gibt. Glyphosat ist der weltweit am häufigsten verwendete Wirkstoff in Pestiziden und viele gentechnisch manipulierte Pflanzen, wie z.B. die Roundup-Ready Soja (Monsanto) sind genau gegen diesen immun gemacht worden. Soja ist das Hauptausfuhrprodukt Argentiniens und wächst hier zu nahezu 100% in seiner genmanipulierten Variante, deshalb ist ein solches Verbotsverfahren natürlich eine Bombe. Internationale Medien hatten das dementsprechend aus den lokalen Medien aufgegriffen, aber wie das so ist, teilweise nur die halbe Wahrheit berichtet – oder schlicht das übersetzt, was in den hiesigen Blättern stand.

Der Mediziner Andrés Eduardo Carrasco leitet das Labor für molekulare Embryologie an der Universität von Buenos Aires (UBA) und arbeitet auch für den nationalen Wissenschaftsrat CONICET (so etwas wie die Max-Planck-Gesellschaft Argentiniens).

Carrasco gab der regierungsnahen Zeitung Página/12 Mitte April ein Interview, in dem er berichtete, dass Studien an seinem Institut zu dem Ergebnis gekommen seien, dass selbst kleinste Dosen Glyphosat die Embryonalentwicklung von Fröschen nachhaltig beeinträchtigten und schloss eine Übertragbarkeit auf den Menschen ausdrücklich nicht aus. Die Vereinigung von Umweltanwälten in Argentinien stellte daraufhin beim obersten Gerichtshof einen Antrag, Glyphosat in Argentinien zu verbieten, in dem sie sich auf das oben genannte Interview und weitere Studien bezogen, die hohe Zahlen von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Regionen in Argentinien feststellen und diese mit dem Pestizideinsatz in Verbindung bringen.

Das gab einen riesigen Aufschrei vor allem bei den Farmern und in der ihnen nahestehenden Presse, die dahinter ein Komplott der Regierung vermuteten (dass das nicht generell von der Hand zu weisen ist, werde ich demnächst mal an einem ähnlichen Fall versuchen, deutlich zu machen). Schließlich steht es um die Beziehung zwischen Landwirten und Regierung hier seit über einem Jahr eher schlecht und Verschwörungstheorien gedeihen in diesem Klima generell gut. Außerdem entdeckten findige Leute auch noch eine Verbindung von Carrasco zum Verteidigungsministerium, wo er das Untersekretariat für Forschung und Entwicklung leitet. Und ausgerechnet das Verteidigungsministerium verbot auf den eigenen Äckern kurz darauf den Anbau von Soja.

Viele Leute wollten auf einmal einen Blick auf die Studie seines Instituts werfen, um sich ein Bild zu machen oder – wahrscheinlicher – um sie aufgrund möglicher methodischer Fehler zu zerpflücken. Was Carrasco jedoch vergessen (?) hatte, im Interview zu erwähnen, war, dass die Studie noch gar nicht fertig war. Es gab noch keinerlei Veröffentlichung, sie war noch nicht einmal geschrieben. In einem zweiten Interview mit Página/12 von Anfang Mai gab er zu, die öffentliche Reaktion unterschätzt zu haben, rechtfertigte sich aber damit, dass er nicht einen wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess abwarten wollte, wenn durch die massive Verwendung von Glyphosat auf argentinischen Äckern möglicherweise Menschenleben in Gefahr seien. Von einer großen Zahl Intellektueller, Wissenschaftler, Journalisten und Politikern wurde er in dieser Haltung unterstützt, die in einem Aufruf die Freiheit der Wissenschaft hochhielten und die Einmischung der Wirtschaft verurteilten.

Gleichzeitig beschwerte sich Carrasco im zweiten Interview, dass es zu Bedrohungen in seinem Institut und auf seinem Anrufbeantworter gekommen sei. Vier Männer – offenbar zwei von einer Landwirtschaftskammer, ein Notar und ein Anwalt – seien im Institut aufgetaucht und hätten Informationen über die Studie verlangt, nach Personenangaben seiner Mitarbeiter gefragt. In den landwirtschafts-freundlichen Medien (v.a. La Nación) wurde er derweil zum Handlanger der Regierung im Kampf gegen die Sojabauern stilisiert, seine wissenschaftliche Reputation wurde in Zweifel gezogen.

Tatsächlich versprühen argentinische Farmer 180-200 Mio. Tonnen pro Jahr von dem Zeug, das hier in den 70er Jahren als „schwach toxisch“ eingestuft und genehmigt wurde. Das passt augenscheinlich zu den Einstufungen die man auch von unabhängiger Seite bekommt (Pesticide Action Network UK, Pesticide Action Network USA), auch wenn es hier und da hieß, die Einstufungen in der „ersten Welt“ (Europa, USA) seien viel strenger. Möglicherweise bezieht sich das jedoch auf die Formeln, die tatsächlich als Pestizide zum Einsatz kommen, in denen Glyphosat meist noch mit anderen Chemikalien versetzt wird und die dadurch stärker giftig wirken.

In Argentinien jedenfalls gibt es bereits Fälle von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Gegenden, die auf den großflächigen Einsatz von Spritzmitteln – nicht nur Glyphosat, aber hauptsächlich – zurückgeführt werden. Einer der Ärzte, die auch die Umweltanwälte in ihrem Verbotsantrag zitieren, ist Rodolfo Páramo. Er arbeitet seit Anfang der 90er Jahre an einem Kleinstadtkrankenhaus in Malabrigo, Provinz Santa Fé. Bei knapp 250 Geburten in einem Jahr soll es dort zu 12 schweren Missbildungen gekommen sein, v.a. Anenzephalien (nicht geschlossene Schädeldecke) und Meningomyelozelen (offene Spaltbildung der Wirbelsäule). Im Hospital José Maria Cullen in der Stadt Santa Fé, wo Páramo zuvor als Neonatologe gearbeitet hatte, gab es nach seinen Angaben nur einen Fall in 8.500 bis 10.000 Geburten.

In den meisten Medienberichten über Páramo fehlt jedoch der Hinweis, dass er die Häufung der Missbildungen bereits im Jahr 1995 beobachtet hat, wie er in einem bei Youtube abrufbaren Interview 2007 selbst erklärte. Eine wissenschaftliche Studie dazu konnte ich nirgendwo auftreiben, vermutlich gibt es sie nicht. Das muss nicht heißen, dass es die Missbildungen 1995 nicht gab, macht jedoch die Überprüfung seiner Aussagen erheblich schwerer.

Ob er sich als Kronzeuge gegen Glyphosat eignet, bezweifle ich auch aus einem weiteren Grund: seine Angabe von einer Missbildung bei bis zu 10.000 Geburten entspräche einer Prozentrate von 0,01%. Ich bin kein Mediziner, aber man findet ja einiges an Informationen, wenn man ein bisschen sucht. Gehirndeformationen treten nach einem Standardwerk über Genetische Medizin bei 10 von 1.000 Geburten auf, also bei rund 1%. Insgesamt gibt es schwere Missbildungen bei rund 3% aller Neugeborenen (selbe Quelle). Die Zahl von 0,01%, die Páramo für Santa Fé angibt, ist daher entweder gelogen oder die Stadt mit dem Namen „Heiliger Glaube“ hat die gesundeste Bevölkerung, die sich denken lässt. Warum das aber nicht in der Provinz mit dem gleichen Namen funktioniert, muss mir dann mal ein Theologe auseinandersetzen.

Der Verbotsantrag gegen Glyphosat, den die argentinischen Umweltanwälte vorgebracht haben, steht zumindest nach dem derzeitigen Stand auf recht wackligen Füßen. Neuigkeiten zum Stand des Verfahrens gibt es bisher nicht. Möglich, dass sich das ändert, wenn Carrasco mal seine Studie veröffentlicht oder weitere Studien zur Auswirkung des großflächigen Sprüheinsatzes mit dem ganzen Giftcocktail gemacht werden, der tatsächlich zum Einsatz kommt. Denn seit etlicher Zeit reicht das Sprühen mit Glyphosat alleine nicht mehr aus, um die Sojafelder freizuhalten von unerwünschten Pflanzen. Durch den dauernden und einseitigen Einsatz immer desselben Giftes haben auch die Unkräuter Resistenzen dagegen entwickelt. Ganz ohne Gentechnik.

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LISTA 2, LISTA 2

Juni 8, 2009 · 3 Kommentare

So brüllt mich seit Tagen ein Mann aus einer kleinen Propellermaschine an, der hier kreuz und quer über den Himmel fliegt. Er sagt noch einiges mehr, aber davon kann ich nicht viel verstehen, weil er da meist schon weitergeflogen ist. Ich weiß nur, dass es bei der angepriesenenen „LISTA 2″ um die Liste 2 bei den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus und Senat geht, die Liste der Präsidentinnenpartei. Ja, auch hier ist Wahlkampf, und der wird auch mit Werbebotschaften vom Himmel geführt. Das ist nicht ganz so ungewöhnlich, wie es sich für deutsche Ohren anhören mag, denn auch sonst fliegt der Herr gerne mal Schleife und preist die Produkte einer Bäckerei oder informiert an drei Tagen hintereinander über den jetzt aber nun wirklich ultimativ letzten Auftritt eines Circus.

Diesen Wahlkampf vom Himmel kann sich allerdings nur die Regierungspartei leisten (ich gehe jetzt mal nicht der Frage nach, woher das Geld dafür eigentlich kommt). Die anderen machen nur den klassischen, mit langweiligen Grüßaugust-Plakaten, die wenig aussagen und bisweilen überhaupt keine politische Botschaft mehr enthalten. So z.B. der Spruch „Algo nuevo nos une“ („Etwas Neues vereint uns“), mit dem man von Bier bis Yerba-Mate wahrscheinlich alles verkaufen kann, nur keine politische Partei. Trotzdem steht’s auf den Plakaten der rechtsliberalen „Union PRO“, die in der Hauptstadt regiert.

Etwas besonders Schönes haben sich auch bei dieser Wahl mal wieder die Kirchneristen ausgedacht. Wäre doch toll, mögen sich die Wahlkampfstrategen der „Frente para la victoria“ („Front für den Sieg“) gedacht haben, wenn wir mit all unseren bekannten Leuten aus Provinzen und großen Städten auf einer Liste stehen könnten. Und haben prompt jeden auch nur halbwegs bekannten Politiker ihrer Partei mit Ausnahme von Königin Cristina auf die Wahlzettel geschrieben, auch wenn die Damen und Herren für die Ämter, die vergeben werden, eigentlich gar nicht zur Wahl stehen. Ist also ungefähr so, als ob bei der gerade abgelaufenen Europawahl auf dem Wahlzettel bei der CDU alle ihre Ministerpräsidenten und Bürgermeister großer Städte draufgestanden hätten, obwohl klar ist, dass die alle nicht nach Straßburg gehen. Mit dem Unterschied dass hier die Listen erheblich größer sind, weil jede Partei ihren eigenen Stimmzettel hat (siehe meine Erklärung des Wahlablaufs).

Um diese Sache gab es natürlich mächtig Wirbel. Es scheint aber so zu sein, dass das hier nicht mal illegal ist, obwohl es natürlich im Grunde eine Irreführung der Wähler darstellt. Aber wahrscheinlich erwarten hier sowieso nur noch die ganz Naiven, dass nach der Wahl auch das passiert, was ein Politiker vorher versprochen hat. Wählerbeschiss also ganz offen als Normalzustand.

PS: Gerade dringen von der Straße her ein paar Fetzen der Rede irgendeines Politikers, der hier in der Nachbarschaft auftritt. Seit zwei Wochen haben die „PRO“-Leute ein leerstehendes Ladengeschäft an der Ecke besetzt, wo gestern schon mal gleich die Scheiben zu Bruch gingen. Das ist besonders amüsant, weil einer der wenigen inhaltlichen Slogans der Partei lautet „La seguridad se hace“ („Sicherheit wird gemacht“). Das Plakat klebt direkt an der Scheibe – und hinter dicken Gittern. Bei Gelegenheit schieß ich mal ein Foto…

Nachtrag, einen Tag später: Heute schreit der Mann aus dem Flugzeug „LISTA 8, LISTA 8″, die Opposition kann sich diese Art Wahlkampf also offenbar auch leisten.

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Banken und andere Raubritter

Juni 2, 2009 · Kommentar schreiben

Argentinische Banken sind eine Krankheit. Sie sind teuer, arbeiten ineffizient bis zum Geht-nicht-mehr (ein Angestellter fertigt Kunden am Eingang ab bzw. weist sie anderen Mitarbeitern zu; wenn am Eingang viel zu tun ist, haben die anderen Mitarbeiter Pause und schaukeln sich die Eier, weil bis zu ihnen niemand mehr durchdringt; außerdem wird hier alles und jedes auf Papier festgehalten – am besten mehrfach, eine fürchterlich langsame Bürokratie; alle haben einen Computer und einen Drucker neben sich stehen, aber Formulare – und davon gibt es viele – werden grundsätzlich schön langsam von Hand ausgefüllt, um später von irgendwelchen Schreibkräften wieder elektronisch erfasst zu werden), haben schlechte Öffnungszeiten (10-15 Uhr), werden andauernd bestreikt, werden Tag für Tag von langen Schlangen von Leuten belagert, die einfach nur an den Geldautomaten oder die Kasse wollen, um Geld abzuheben oder einzuzahlen, ihre Geldautomaten spucken manchmal gar kein und manchmal nicht den Betrag aus, den man haben wollte, die Banken haben vor Jahr und Tag jedem Rentner eine Kreditkarte hinterhergeschmissen, bis sie feststellten, dass die Leute diese Karten auch benutzen, dann aber den so aufgenommenen Kredit gar nicht tilgen können, und bilden sich wer weiß was darauf ein, jetzt so schlau zu sein, jeden potenziellen Kreditkartennehmer erstmal auf Herz und Nieren zu prüfen und im Zweifelsfall den Antrag lieber abzulehnen.  Ok, sie schmeißen eigentlich immer noch jedem eine hinterher, der keine haben will. Allerdings haben die alle ein Limit von vielleicht 2000 Pesos (aktuell weniger als 400 Euro). Wenn man eine haben will, mit der man beispielsweise ein Flugticket nach Deutschland kaufen könnte werden sie pingelig. Arghh. Und hab ich schon gesagt, dass sie teuer sind?

So etwas wie ein Girokonto haben hier die allerwenigsten. Wenn man überhaupt ein Konto hat (und viele Argentinier besitzen keins), dann ist das meist eine „Caja de Ahorro“, also ein Sparkonto. Zu dem gibt’s auch eine „Tarjeta de debito“, also eine Art EC-Karte für den bargeldlosen Zahlungsverkehr, man kann Überweisungen machen und entgegennehmen und es verhält sich auch sonst fast wie ein deutsches Girokonto. Wenn da nicht die Gebühren wären. Jeder Sch… kostet. Nix mit kostenloses Konto. Monatsgebühr, Überweisungsgebühren, von Überziehungskreditzinsen will ich gar nicht anfangen.

Auf den Auszügen ist mir jetzt aber noch was aufgefallen: Für jede Gutschrift zieht mir die Bank wieder was ab. Zum Beispiel gibt’s eine Gutschrift eines Supermarkts von 20% (also ungefähr der Höhe der Mehrwertsteuer), wenn ich meine Einkäufe dort an einem Mittwoch oder Donnerstag mit meiner EC-Karte bezahle (weshalb natürlich dann immer der Markt brechend voll ist). Zusätzlich legt die Bank noch 5% oben drauf.

Da tauchen also „Bonificación Promo Supermercado“ auf meinem Kontoauszug auf: 16,43 Pesos. Und gleich drauf „Regimen de Recaudación SIRCREB T“: -0,33 Pesos. Wann immer ich einen Geldeingang auf dem Konto habe – zack, behält die Bank wieder was ein. Ich hab inzwischen gegoogelt, dass SIRCREB das „Sistema de Recaudación y Control de Acreditaciones Bancarias“ ist, also so was wie die hiesige Quellensteuer. Das muss die Bank also an die Zentralbank abführen. Was mich aber nervt, ist, dass das selbst dann zuschlägt, wenn ich selbst Geld einzahle oder eine Überweisung erhalte, nicht nur für Zinsen. Das Geld muss ich – sofern es der Lohn für meine Arbeit war – ja ohnehin noch versteuern. Jeder Zahlungseingang wird aber pauschal erstmal um 2% erleichtert. Grandios, oder?

Nee, wirklich: Argentinische Banken sind eine Krankheit.

Sistema de Recaudación y Control de Acreditaciones Bancarias

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Am deutschen Wesen…

Mai 18, 2009 · Kommentar schreiben

Die argentinische Verteidigungsministerin (ja, es ist eine sie) Nilda Garré weilt zurzeit in Deutschland. Sie möchte sich vom deutschen Bundeswehrwesen inspirieren lassen und auch in Argentinien eine Art Bundeswehrbeauftragten einführen. Offenbar haben argentinische Soldaten derzeit keinerlei Beschwerdemöglichkeiten, weil sie den zivilen Ombudsmann nicht anrufen dürfen. Die Militärgerichtsbarkeit kennt – im Gegensatz zu zivilen Gerichten – noch die Todesstrafe und allerlei anderes Zeug, was zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammt. Deshalb habe sie sich bei der Neugestaltung am deutschen „Bürger in Uniform“ orientiert. Sagte Frau Garré der Wochenzeitung „Das Parlament„.

Komisch, aber mich beschleicht so eine Ahnung, dass deutsches Militärwesen schon einmal seinen Weg nach Argentinien gefunden hat. Damals unter Perón hat das keinen guten Ausgang genommen. Die Herren Diktatoren der vergangenen fünfzig Jahre hatten glaube ich alle den deutschen Drill genossen.

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Kampagne für den Riachuelo

April 22, 2009 · Kommentar schreiben

Der Riachuelo ist ein ca. 80 Kilometer langer Fluss, der u.a. die Hauptstadt vom Umland trennt und bei La Boca („Die Mündung“) in den Rio de la Plata fließt – und er ist Prototyp des verschmutzten Flusses in Argentinien. Die spanische Zeitung „El Mundo“ hat ihn gar im Februar zum verschmutztesten Fluss Südamerikas gekürt. Wer aus dem Süden in die Hauptstadt will, muss ihn unweigerlich überqueren und insbesondere in den Sommermonaten ist das kein Vergnügen, weil sich die Annäherung an den Fluss schon olfaktorisch ankündigt. Mit anderen Worten: er stinkt. Gewaltig.

Taucher im Riachuelo

Taucher im Riachuelo versuchen Verschmutzer zu ermitteln

Nicht nur, dass die Ufer und der Fluss selbst zum Abladen von Bauschutt, ausgedienten Autos und viel Plastik-Müll verwendet werden, es leiten auch tausende von Industriebetrieben und Haushalten ihre Abwässer meist ungeklärt in den Fluss (offiziell sind es entlang des Flusses und seiner Zuflüsse 4100 Betriebe). Entlang des Flusses befinden sich auch etliche „Villa Miseria“ genannte Elendsviertel, in denen die Bevölkerung weder Zugang zu sauberem Trinkwasser noch einer geordneten Abwasserentsorgung hat.

Elendsviertel am Ufer des Riachuelo

Elendsviertel am Ufer des Riachuelo

Die Kollegen des argentinischen Greenpeace-Büros haben gestern einen Report vorgestellt, in dem sie Messwerte vom Februar publizieren. Demnach finden sich im Wasser und den Sedimenten hohe Anteile an

  • Nonylphenol: beeinflusst die Fortpflanzungsfähigkeit
  • Hexachlorcyclohexan: krebserregend, Bestandteil beispielsweise des Insektizids Lindan, das in der EU seit 2007 vollständig verboten ist
  • Chlorbenzene: Lösungsmittel, die ebenfalls die Fortpflanzungsfähigkeit stören können und biologisch schwer abbaubar sind
  • Toluol: verursacht Nerven-, Nieren- und Leberschäden und ist ebenfalls fortpflanzungsschädigend
  • Tetrachlormethan: krebserregend und leberschädigend
  • Bromdichlormethan: krebserregend und erbgutschädigend

Daneben enthält das Wasser diverse Schwermetallverbindungen, darunter vor allem eine Menge Chrom aus der Lederverarbeitung, die hier besonders präsent ist. Außerdem Blei, Quecksilber, Cadmium etc. Fazit der Greenpeace-Studie: es hat sich gegenüber Messungen von 1998 so gut wie nichts geändert, in einigen Fällen ist die Konzentration der Giftstoffe sogar noch höher als früher.

Schon seit mindestens 15 Jahren wird von den jeweiligen Regierungen versprochen, jetzt aber wirklich alles zu tun, um den Riachuelo „binnen zwei Jahren wieder so sauber zu kriegen, dass man darin schwimmen kann“ (so die Umweltministerin der Menem-Regierung Maria-Julia Alsogaray). De facto geschehen ist offensichtlich nichts.

Letztes Jahr hat der oberste Gerichtshof die Regierung verdonnert, endlich etwas zu unternehmen und gleichzeitig eine Kommission aus dem staatlichen Ombudsmann und fünf NGOs – darunter Greenpeace – eingesetzt, die den Staat hierbei überwachen soll. NGOs als Umweltpolizei, höchstgerichtlich angeordnet. Das muss man sich mal reinziehen.

Dass Greenpeace diese Aufgabe sehr ernst nimmt, wollen sie in den nächsten Monaten beweisen. Gestern haben sie schon der zuständigen Behörde auf die Finger geklopft, weil die in diesem Jahr noch nicht einen einzigen Peso zur gerichtlich angeordneten Säuberung des Flusses ausgegeben hat – obwohl das Budget dafür in diesem Jahr um 70% aufgestockt wurde und insgesamt 135,4 Mio. Pesos bereitstehen. Schon im vergangenen Jahr hat die Behörde nur 35% des ihr zur Verfügung stehenden Geldes ausgegeben.

Um das zu ändern, ruft Greenpeace – wie schon 1998 – die Bevölkerung auf, per Telefon und anonym auf Einleiter hinzuweisen. Die Telefonnummer prangt bereits seit einigen Tagen am Wahrzeichen des Hafens in La Boca.

Greenpeace-Telefonnummer an der Hafenbrücke von La Boca

Greenpeace-Telefonnummer an der Hafenbrücke von La Boca

Und weil heute der Tag der Erde ist und die Leute bei Greenpeace International so lieb bitte gesagt haben, hier auch noch ein Video, das möglichst viele zum eigenständigen Handeln für Mutter Natur bewegen soll.

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Dengue

April 13, 2009 · 1 Kommentar

Aedes aegypti - Die Dengue-Mücke

Aedes aegypti - Die Dengue-Mücke

So sieht sie aus, die Überträgerin von Dengue, die derzeit in Argentinien in aller Munde ist (natürlich nur bildlich). Seit einigen Wochen mehren sich die Anzeichen für eine wahre Dengue-Epidemie im Land. Vor allem im Norden sind bereits Tausende an der Krankheit erkrankt, mehrere Tote sind ebenfalls schon zu beklagen. Während die Regierung bisher das Problem herunterspielt und von einzelnen Krankheits-Herden spricht, schlagen Mediziner inzwischen landesweit Alarm und sprechen von Epidemie.

Laut offiziellen Zahlen sind es „nur“ um die 16.000 Krankheitsfälle. Die Mediziner zählen zwischen 20.000 und 40.000. Und während bisher die Krankheit nur bei Leuten auftrat, die irgendwo im Norden Argentiniens unterwegs gewesen und offenbar dort von dem Überträger des Virus (der schon erwähnten Aedes aegypti-Mücke) gestochen worden sind, gibt es inzwischen auch erste Fälle von Infektionen hier im Großraum Buenos Aires.

Das Blöde bei Dengue ist, dass es keine wirksame Impfung für die Krankheit gibt. Es ist eine Virus-Infektion, ähnlich dem Gelbfieber, aber bislang ohne Impfstoff und Heilmittel. Nach allem, was ich bisher gelesen habe, äußert sich die Krankheit zunächst mit Fieber wie bei einer Grippe, allerdings gesellen sich relativ schnell auch ungeheure Knochen- und Gelenkschmerzen hinzu. Deshalb heißt die Krankheit auch „Knochenbrecherfieber“. Nach zwei Wochen ist sie meist überstanden. Es gibt aber offenbar vier leicht unterschiedliche Varianten des Virus. Wer die Krankheit einmal hatte, ist gegen diese Variante immun, kann aber mit einer der drei anderen erneut krank werden. Und beim zweiten Mal geht die Krankheit mit schweren inneren Blutungen einher und ist fast immer tödlich.

Reisenden nach Buenos Aires und vor allem dem Norden Argentiniens kann man daher momentan nur empfehlen, sich möglichst viel „Off“ zu kaufen (das ist das hiesige Autan, wirkt ziemlich gut) und sich damit ausgiebig einzuschmieren bzw. -sprühen. Und wer nicht unbedingt muss, sollte vielleicht Gegenden meiden, die besonders gute Brutbedingungen für Mücken aufweisen (z.B. Esteros del Iberá, Wasserfälle von Iguazú). Das Auswärtige Amt meint zum Thema:

„Das angrenzende Bolivien durchlebt derzeit eine Denguefieberepidemie. Die argentinischen Medien berichten daher seit Ende März 2009 verstärkt von einer Ausbreitung des Denguefiebers im Norden des Landes. Betroffen sind die Provinzen Salta, Jujuy, Tucumán, Formosa, Misiones, Corrientes, Catamarca, Chaco und Santiago del Estero. Im Zuge der Ausbreitung ist es in Argentinien bisher zu fast 8000 Erkrankungen und sieben Todesfällen gekommen. Die Mücke, die das Denguefieber überträgt, ist tagaktiv. Reisende sollten daher besonders tagsüber auf einen Mückenschutz achten. Gegen das Denguefieber besteht kein Impfschutz.“ [Stand: 13.4.2009]

Wer sonst noch was tun will: bei http://www.worldcommunitygrid.org/ kann man mithelfen, einen Wirkstoff gegen den Virus zu entwickeln. Mediziner von der University of Texas und der University of Chicago versuchen mit der Hilfe von möglichst vielen Privatleuten so etwas wie einen virtuellen Großrechner zu kreieren. Ein kleines Programm rechnet dabei im Hintergrund, wenn der Rechner nicht gebraucht wird oder seine Rechenkapazität nicht voll ausschöpft. Berechnet wird dabei, welche der Millionen Moleküle in der Datenbank der Institute am wahrscheinlichsten gegen den Dengue-Virus wirksam sein könnte und entsprechenden Tests unterzogen wird.

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