Me llaman Jorge

Glyphosat-Verbot?

Juni 24, 2009 · Kommentar schreiben

Bei mir sind in den vergangenen Tagen mehrfach Fragen eingegangen nach einem Verbotsverfahren von Glyphosat, das es hier seit knapp 2 Monaten gibt. Glyphosat ist der weltweit am häufigsten verwendete Wirkstoff in Pestiziden und viele gentechnisch manipulierte Pflanzen, wie z.B. die Roundup-Ready Soja (Monsanto) sind genau gegen diesen immun gemacht worden. Soja ist das Hauptausfuhrprodukt Argentiniens und wächst hier zu nahezu 100% in seiner genmanipulierten Variante, deshalb ist ein solches Verbotsverfahren natürlich eine Bombe. Internationale Medien hatten das dementsprechend aus den lokalen Medien aufgegriffen, aber wie das so ist, teilweise nur die halbe Wahrheit berichtet – oder schlicht das übersetzt, was in den hiesigen Blättern stand.

Der Mediziner Andrés Eduardo Carrasco leitet das Labor für molekulare Embryologie an der Universität von Buenos Aires (UBA) und arbeitet auch für den nationalen Wissenschaftsrat CONICET (so etwas wie die Max-Planck-Gesellschaft Argentiniens).

Carrasco gab der regierungsnahen Zeitung Página/12 Mitte April ein Interview, in dem er berichtete, dass Studien an seinem Institut zu dem Ergebnis gekommen seien, dass selbst kleinste Dosen Glyphosat die Embryonalentwicklung von Fröschen nachhaltig beeinträchtigten und schloss eine Übertragbarkeit auf den Menschen ausdrücklich nicht aus. Die Vereinigung von Umweltanwälten in Argentinien stellte daraufhin beim obersten Gerichtshof einen Antrag, Glyphosat in Argentinien zu verbieten, in dem sie sich auf das oben genannte Interview und weitere Studien bezogen, die hohe Zahlen von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Regionen in Argentinien feststellen und diese mit dem Pestizideinsatz in Verbindung bringen.

Das gab einen riesigen Aufschrei vor allem bei den Farmern und in der ihnen nahestehenden Presse, die dahinter ein Komplott der Regierung vermuteten (dass das nicht generell von der Hand zu weisen ist, werde ich demnächst mal an einem ähnlichen Fall versuchen, deutlich zu machen). Schließlich steht es um die Beziehung zwischen Landwirten und Regierung hier seit über einem Jahr eher schlecht und Verschwörungstheorien gedeihen in diesem Klima generell gut. Außerdem entdeckten findige Leute auch noch eine Verbindung von Carrasco zum Verteidigungsministerium, wo er das Untersekretariat für Forschung und Entwicklung leitet. Und ausgerechnet das Verteidigungsministerium verbot auf den eigenen Äckern kurz darauf den Anbau von Soja.

Viele Leute wollten auf einmal einen Blick auf die Studie seines Instituts werfen, um sich ein Bild zu machen oder – wahrscheinlicher – um sie aufgrund möglicher methodischer Fehler zu zerpflücken. Was Carrasco jedoch vergessen (?) hatte, im Interview zu erwähnen, war, dass die Studie noch gar nicht fertig war. Es gab noch keinerlei Veröffentlichung, sie war noch nicht einmal geschrieben. In einem zweiten Interview mit Página/12 von Anfang Mai gab er zu, die öffentliche Reaktion unterschätzt zu haben, rechtfertigte sich aber damit, dass er nicht einen wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess abwarten wollte, wenn durch die massive Verwendung von Glyphosat auf argentinischen Äckern möglicherweise Menschenleben in Gefahr seien. Von einer großen Zahl Intellektueller, Wissenschaftler, Journalisten und Politikern wurde er in dieser Haltung unterstützt, die in einem Aufruf die Freiheit der Wissenschaft hochhielten und die Einmischung der Wirtschaft verurteilten.

Gleichzeitig beschwerte sich Carrasco im zweiten Interview, dass es zu Bedrohungen in seinem Institut und auf seinem Anrufbeantworter gekommen sei. Vier Männer – offenbar zwei von einer Landwirtschaftskammer, ein Notar und ein Anwalt – seien im Institut aufgetaucht und hätten Informationen über die Studie verlangt, nach Personenangaben seiner Mitarbeiter gefragt. In den landwirtschafts-freundlichen Medien (v.a. La Nación) wurde er derweil zum Handlanger der Regierung im Kampf gegen die Sojabauern stilisiert, seine wissenschaftliche Reputation wurde in Zweifel gezogen.

Tatsächlich versprühen argentinische Farmer 180-200 Mio. Tonnen pro Jahr von dem Zeug, das hier in den 70er Jahren als “schwach toxisch” eingestuft und genehmigt wurde. Das passt augenscheinlich zu den Einstufungen die man auch von unabhängiger Seite bekommt (Pesticide Action Network UK, Pesticide Action Network USA), auch wenn es hier und da hieß, die Einstufungen in der “ersten Welt” (Europa, USA) seien viel strenger. Möglicherweise bezieht sich das jedoch auf die Formeln, die tatsächlich als Pestizide zum Einsatz kommen, in denen Glyphosat meist noch mit anderen Chemikalien versetzt wird und die dadurch stärker giftig wirken.

In Argentinien jedenfalls gibt es bereits Fälle von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Gegenden, die auf den großflächigen Einsatz von Spritzmitteln – nicht nur Glyphosat, aber hauptsächlich – zurückgeführt werden. Einer der Ärzte, die auch die Umweltanwälte in ihrem Verbotsantrag zitieren, ist Rodolfo Páramo. Er arbeitet seit Anfang der 90er Jahre an einem Kleinstadtkrankenhaus in Malabrigo, Provinz Santa Fé. Bei knapp 250 Geburten in einem Jahr soll es dort zu 12 schweren Missbildungen gekommen sein, v.a. Anenzephalien (nicht geschlossene Schädeldecke) und Meningomyelozelen (offene Spaltbildung der Wirbelsäule). Im Hospital José Maria Cullen in der Stadt Santa Fé, wo Páramo zuvor als Neonatologe gearbeitet hatte, gab es nach seinen Angaben nur einen Fall in 8.500 bis 10.000 Geburten.

In den meisten Medienberichten über Páramo fehlt jedoch der Hinweis, dass er die Häufung der Missbildungen bereits im Jahr 1995 beobachtet hat, wie er in einem bei Youtube abrufbaren Interview 2007 selbst erklärte. Eine wissenschaftliche Studie dazu konnte ich nirgendwo auftreiben, vermutlich gibt es sie nicht. Das muss nicht heißen, dass es die Missbildungen 1995 nicht gab, macht jedoch die Überprüfung seiner Aussagen erheblich schwerer.

Ob er sich als Kronzeuge gegen Glyphosat eignet, bezweifle ich auch aus einem weiteren Grund: seine Angabe von einer Missbildung bei bis zu 10.000 Geburten entspräche einer Prozentrate von 0,01%. Ich bin kein Mediziner, aber man findet ja einiges an Informationen, wenn man ein bisschen sucht. Gehirndeformationen treten nach einem Standardwerk über Genetische Medizin bei 10 von 1.000 Geburten auf, also bei rund 1%. Insgesamt gibt es schwere Missbildungen bei rund 3% aller Neugeborenen (selbe Quelle). Die Zahl von 0,01%, die Páramo für Santa Fé angibt, ist daher entweder gelogen oder die Stadt mit dem Namen “Heiliger Glaube” hat die gesundeste Bevölkerung, die sich denken lässt. Warum das aber nicht in der Provinz mit dem gleichen Namen funktioniert, muss mir dann mal ein Theologe auseinandersetzen.

Der Verbotsantrag gegen Glyphosat, den die argentinischen Umweltanwälte vorgebracht haben, steht zumindest nach dem derzeitigen Stand auf recht wackligen Füßen. Neuigkeiten zum Stand des Verfahrens gibt es bisher nicht. Möglich, dass sich das ändert, wenn Carrasco mal seine Studie veröffentlicht oder weitere Studien zur Auswirkung des großflächigen Sprüheinsatzes mit dem ganzen Giftcocktail gemacht werden, der tatsächlich zum Einsatz kommt. Denn seit etlicher Zeit reicht das Sprühen mit Glyphosat alleine nicht mehr aus, um die Sojafelder freizuhalten von unerwünschten Pflanzen. Durch den dauernden und einseitigen Einsatz immer desselben Giftes haben auch die Unkräuter Resistenzen dagegen entwickelt. Ganz ohne Gentechnik.

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LISTA 2, LISTA 2

Juni 8, 2009 · 3 Kommentare

So brüllt mich seit Tagen ein Mann aus einer kleinen Propellermaschine an, der hier kreuz und quer über den Himmel fliegt. Er sagt noch einiges mehr, aber davon kann ich nicht viel verstehen, weil er da meist schon weitergeflogen ist. Ich weiß nur, dass es bei der angepriesenenen “LISTA 2″ um die Liste 2 bei den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus und Senat geht, die Liste der Präsidentinnenpartei. Ja, auch hier ist Wahlkampf, und der wird auch mit Werbebotschaften vom Himmel geführt. Das ist nicht ganz so ungewöhnlich, wie es sich für deutsche Ohren anhören mag, denn auch sonst fliegt der Herr gerne mal Schleife und preist die Produkte einer Bäckerei oder informiert an drei Tagen hintereinander über den jetzt aber nun wirklich ultimativ letzten Auftritt eines Circus.

Diesen Wahlkampf vom Himmel kann sich allerdings nur die Regierungspartei leisten (ich gehe jetzt mal nicht der Frage nach, woher das Geld dafür eigentlich kommt). Die anderen machen nur den klassischen, mit langweiligen Grüßaugust-Plakaten, die wenig aussagen und bisweilen überhaupt keine politische Botschaft mehr enthalten. So z.B. der Spruch “Algo nuevo nos une” (”Etwas Neues vereint uns”), mit dem man von Bier bis Yerba-Mate wahrscheinlich alles verkaufen kann, nur keine politische Partei. Trotzdem steht’s auf den Plakaten der rechtsliberalen “Union PRO”, die in der Hauptstadt regiert.

Etwas besonders Schönes haben sich auch bei dieser Wahl mal wieder die Kirchneristen ausgedacht. Wäre doch toll, mögen sich die Wahlkampfstrategen der “Frente para la victoria” (”Front für den Sieg”) gedacht haben, wenn wir mit all unseren bekannten Leuten aus Provinzen und großen Städten auf einer Liste stehen könnten. Und haben prompt jeden auch nur halbwegs bekannten Politiker ihrer Partei mit Ausnahme von Königin Cristina auf die Wahlzettel geschrieben, auch wenn die Damen und Herren für die Ämter, die vergeben werden, eigentlich gar nicht zur Wahl stehen. Ist also ungefähr so, als ob bei der gerade abgelaufenen Europawahl auf dem Wahlzettel bei der CDU alle ihre Ministerpräsidenten und Bürgermeister großer Städte draufgestanden hätten, obwohl klar ist, dass die alle nicht nach Straßburg gehen. Mit dem Unterschied dass hier die Listen erheblich größer sind, weil jede Partei ihren eigenen Stimmzettel hat (siehe meine Erklärung des Wahlablaufs).

Um diese Sache gab es natürlich mächtig Wirbel. Es scheint aber so zu sein, dass das hier nicht mal illegal ist, obwohl es natürlich im Grunde eine Irreführung der Wähler darstellt. Aber wahrscheinlich erwarten hier sowieso nur noch die ganz Naiven, dass nach der Wahl auch das passiert, was ein Politiker vorher versprochen hat. Wählerbeschiss also ganz offen als Normalzustand.

PS: Gerade dringen von der Straße her ein paar Fetzen der Rede irgendeines Politikers, der hier in der Nachbarschaft auftritt. Seit zwei Wochen haben die “PRO”-Leute ein leerstehendes Ladengeschäft an der Ecke besetzt, wo gestern schon mal gleich die Scheiben zu Bruch gingen. Das ist besonders amüsant, weil einer der wenigen inhaltlichen Slogans der Partei lautet “La seguridad se hace” (”Sicherheit wird gemacht”). Das Plakat klebt direkt an der Scheibe – und hinter dicken Gittern. Bei Gelegenheit schieß ich mal ein Foto…

Nachtrag, einen Tag später: Heute schreit der Mann aus dem Flugzeug “LISTA 8, LISTA 8″, die Opposition kann sich diese Art Wahlkampf also offenbar auch leisten.

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Banken und andere Raubritter

Juni 2, 2009 · Kommentar schreiben

Argentinische Banken sind eine Krankheit. Sie sind teuer, arbeiten ineffizient bis zum Geht-nicht-mehr (ein Angestellter fertigt Kunden am Eingang ab bzw. weist sie anderen Mitarbeitern zu; wenn am Eingang viel zu tun ist, haben die anderen Mitarbeiter Pause und schaukeln sich die Eier, weil bis zu ihnen niemand mehr durchdringt; außerdem wird hier alles und jedes auf Papier festgehalten – am besten mehrfach, eine fürchterlich langsame Bürokratie; alle haben einen Computer und einen Drucker neben sich stehen, aber Formulare – und davon gibt es viele – werden grundsätzlich schön langsam von Hand ausgefüllt, um später von irgendwelchen Schreibkräften wieder elektronisch erfasst zu werden), haben schlechte Öffnungszeiten (10-15 Uhr), werden andauernd bestreikt, werden Tag für Tag von langen Schlangen von Leuten belagert, die einfach nur an den Geldautomaten oder die Kasse wollen, um Geld abzuheben oder einzuzahlen, ihre Geldautomaten spucken manchmal gar kein und manchmal nicht den Betrag aus, den man haben wollte, die Banken haben vor Jahr und Tag jedem Rentner eine Kreditkarte hinterhergeschmissen, bis sie feststellten, dass die Leute diese Karten auch benutzen, dann aber den so aufgenommenen Kredit gar nicht tilgen können, und bilden sich wer weiß was darauf ein, jetzt so schlau zu sein, jeden potenziellen Kreditkartennehmer erstmal auf Herz und Nieren zu prüfen und im Zweifelsfall den Antrag lieber abzulehnen.  Ok, sie schmeißen eigentlich immer noch jedem eine hinterher, der keine haben will. Allerdings haben die alle ein Limit von vielleicht 2000 Pesos (aktuell weniger als 400 Euro). Wenn man eine haben will, mit der man beispielsweise ein Flugticket nach Deutschland kaufen könnte werden sie pingelig. Arghh. Und hab ich schon gesagt, dass sie teuer sind?

So etwas wie ein Girokonto haben hier die allerwenigsten. Wenn man überhaupt ein Konto hat (und viele Argentinier besitzen keins), dann ist das meist eine “Caja de Ahorro”, also ein Sparkonto. Zu dem gibt’s auch eine “Tarjeta de debito”, also eine Art EC-Karte für den bargeldlosen Zahlungsverkehr, man kann Überweisungen machen und entgegennehmen und es verhält sich auch sonst fast wie ein deutsches Girokonto. Wenn da nicht die Gebühren wären. Jeder Sch… kostet. Nix mit kostenloses Konto. Monatsgebühr, Überweisungsgebühren, von Überziehungskreditzinsen will ich gar nicht anfangen.

Auf den Auszügen ist mir jetzt aber noch was aufgefallen: Für jede Gutschrift zieht mir die Bank wieder was ab. Zum Beispiel gibt’s eine Gutschrift eines Supermarkts von 20% (also ungefähr der Höhe der Mehrwertsteuer), wenn ich meine Einkäufe dort an einem Mittwoch oder Donnerstag mit meiner EC-Karte bezahle (weshalb natürlich dann immer der Markt brechend voll ist). Zusätzlich legt die Bank noch 5% oben drauf.

Da tauchen also “Bonificación Promo Supermercado” auf meinem Kontoauszug auf: 16,43 Pesos. Und gleich drauf “Regimen de Recaudación SIRCREB T”: -0,33 Pesos. Wann immer ich einen Geldeingang auf dem Konto habe – zack, behält die Bank wieder was ein. Ich hab inzwischen gegoogelt, dass SIRCREB das “Sistema de Recaudación y Control de Acreditaciones Bancarias” ist, also so was wie die hiesige Quellensteuer. Das muss die Bank also an die Zentralbank abführen. Was mich aber nervt, ist, dass das selbst dann zuschlägt, wenn ich selbst Geld einzahle oder eine Überweisung erhalte, nicht nur für Zinsen. Das Geld muss ich – sofern es der Lohn für meine Arbeit war – ja ohnehin noch versteuern. Jeder Zahlungseingang wird aber pauschal erstmal um 2% erleichtert. Grandios, oder?

Nee, wirklich: Argentinische Banken sind eine Krankheit.

Sistema de Recaudación y Control de Acreditaciones Bancarias

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Am deutschen Wesen…

Mai 18, 2009 · Kommentar schreiben

Die argentinische Verteidigungsministerin (ja, es ist eine sie) Nilda Garré weilt zurzeit in Deutschland. Sie möchte sich vom deutschen Bundeswehrwesen inspirieren lassen und auch in Argentinien eine Art Bundeswehrbeauftragten einführen. Offenbar haben argentinische Soldaten derzeit keinerlei Beschwerdemöglichkeiten, weil sie den zivilen Ombudsmann nicht anrufen dürfen. Die Militärgerichtsbarkeit kennt – im Gegensatz zu zivilen Gerichten – noch die Todesstrafe und allerlei anderes Zeug, was zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammt. Deshalb habe sie sich bei der Neugestaltung am deutschen “Bürger in Uniform” orientiert. Sagte Frau Garré der Wochenzeitung “Das Parlament“.

Komisch, aber mich beschleicht so eine Ahnung, dass deutsches Militärwesen schon einmal seinen Weg nach Argentinien gefunden hat. Damals unter Perón hat das keinen guten Ausgang genommen. Die Herren Diktatoren der vergangenen fünfzig Jahre hatten glaube ich alle den deutschen Drill genossen.

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Kampagne für den Riachuelo

April 22, 2009 · Kommentar schreiben

Der Riachuelo ist ein ca. 80 Kilometer langer Fluss, der u.a. die Hauptstadt vom Umland trennt und bei La Boca (”Die Mündung”) in den Rio de la Plata fließt – und er ist Prototyp des verschmutzten Flusses in Argentinien. Die spanische Zeitung “El Mundo” hat ihn gar im Februar zum verschmutztesten Fluss Südamerikas gekürt. Wer aus dem Süden in die Hauptstadt will, muss ihn unweigerlich überqueren und insbesondere in den Sommermonaten ist das kein Vergnügen, weil sich die Annäherung an den Fluss schon olfaktorisch ankündigt. Mit anderen Worten: er stinkt. Gewaltig.

Taucher im Riachuelo

Taucher im Riachuelo versuchen Verschmutzer zu ermitteln

Nicht nur, dass die Ufer und der Fluss selbst zum Abladen von Bauschutt, ausgedienten Autos und viel Plastik-Müll verwendet werden, es leiten auch tausende von Industriebetrieben und Haushalten ihre Abwässer meist ungeklärt in den Fluss (offiziell sind es entlang des Flusses und seiner Zuflüsse 4100 Betriebe). Entlang des Flusses befinden sich auch etliche “Villa Miseria” genannte Elendsviertel, in denen die Bevölkerung weder Zugang zu sauberem Trinkwasser noch einer geordneten Abwasserentsorgung hat.

Elendsviertel am Ufer des Riachuelo

Elendsviertel am Ufer des Riachuelo

Die Kollegen des argentinischen Greenpeace-Büros haben gestern einen Report vorgestellt, in dem sie Messwerte vom Februar publizieren. Demnach finden sich im Wasser und den Sedimenten hohe Anteile an

  • Nonylphenol: beeinflusst die Fortpflanzungsfähigkeit
  • Hexachlorcyclohexan: krebserregend, Bestandteil beispielsweise des Insektizids Lindan, das in der EU seit 2007 vollständig verboten ist
  • Chlorbenzene: Lösungsmittel, die ebenfalls die Fortpflanzungsfähigkeit stören können und biologisch schwer abbaubar sind
  • Toluol: verursacht Nerven-, Nieren- und Leberschäden und ist ebenfalls fortpflanzungsschädigend
  • Tetrachlormethan: krebserregend und leberschädigend
  • Bromdichlormethan: krebserregend und erbgutschädigend

Daneben enthält das Wasser diverse Schwermetallverbindungen, darunter vor allem eine Menge Chrom aus der Lederverarbeitung, die hier besonders präsent ist. Außerdem Blei, Quecksilber, Cadmium etc. Fazit der Greenpeace-Studie: es hat sich gegenüber Messungen von 1998 so gut wie nichts geändert, in einigen Fällen ist die Konzentration der Giftstoffe sogar noch höher als früher.

Schon seit mindestens 15 Jahren wird von den jeweiligen Regierungen versprochen, jetzt aber wirklich alles zu tun, um den Riachuelo “binnen zwei Jahren wieder so sauber zu kriegen, dass man darin schwimmen kann” (so die Umweltministerin der Menem-Regierung Maria-Julia Alsogaray). De facto geschehen ist offensichtlich nichts.

Letztes Jahr hat der oberste Gerichtshof die Regierung verdonnert, endlich etwas zu unternehmen und gleichzeitig eine Kommission aus dem staatlichen Ombudsmann und fünf NGOs – darunter Greenpeace – eingesetzt, die den Staat hierbei überwachen soll. NGOs als Umweltpolizei, höchstgerichtlich angeordnet. Das muss man sich mal reinziehen.

Dass Greenpeace diese Aufgabe sehr ernst nimmt, wollen sie in den nächsten Monaten beweisen. Gestern haben sie schon der zuständigen Behörde auf die Finger geklopft, weil die in diesem Jahr noch nicht einen einzigen Peso zur gerichtlich angeordneten Säuberung des Flusses ausgegeben hat – obwohl das Budget dafür in diesem Jahr um 70% aufgestockt wurde und insgesamt 135,4 Mio. Pesos bereitstehen. Schon im vergangenen Jahr hat die Behörde nur 35% des ihr zur Verfügung stehenden Geldes ausgegeben.

Um das zu ändern, ruft Greenpeace – wie schon 1998 – die Bevölkerung auf, per Telefon und anonym auf Einleiter hinzuweisen. Die Telefonnummer prangt bereits seit einigen Tagen am Wahrzeichen des Hafens in La Boca.

Greenpeace-Telefonnummer an der Hafenbrücke von La Boca

Greenpeace-Telefonnummer an der Hafenbrücke von La Boca

Und weil heute der Tag der Erde ist und die Leute bei Greenpeace International so lieb bitte gesagt haben, hier auch noch ein Video, das möglichst viele zum eigenständigen Handeln für Mutter Natur bewegen soll.

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Dengue

April 13, 2009 · 1 Kommentar

Aedes aegypti - Die Dengue-Mücke

Aedes aegypti - Die Dengue-Mücke

So sieht sie aus, die Überträgerin von Dengue, die derzeit in Argentinien in aller Munde ist (natürlich nur bildlich). Seit einigen Wochen mehren sich die Anzeichen für eine wahre Dengue-Epidemie im Land. Vor allem im Norden sind bereits Tausende an der Krankheit erkrankt, mehrere Tote sind ebenfalls schon zu beklagen. Während die Regierung bisher das Problem herunterspielt und von einzelnen Krankheits-Herden spricht, schlagen Mediziner inzwischen landesweit Alarm und sprechen von Epidemie.

Laut offiziellen Zahlen sind es “nur” um die 16.000 Krankheitsfälle. Die Mediziner zählen zwischen 20.000 und 40.000. Und während bisher die Krankheit nur bei Leuten auftrat, die irgendwo im Norden Argentiniens unterwegs gewesen und offenbar dort von dem Überträger des Virus (der schon erwähnten Aedes aegypti-Mücke) gestochen worden sind, gibt es inzwischen auch erste Fälle von Infektionen hier im Großraum Buenos Aires.

Das Blöde bei Dengue ist, dass es keine wirksame Impfung für die Krankheit gibt. Es ist eine Virus-Infektion, ähnlich dem Gelbfieber, aber bislang ohne Impfstoff und Heilmittel. Nach allem, was ich bisher gelesen habe, äußert sich die Krankheit zunächst mit Fieber wie bei einer Grippe, allerdings gesellen sich relativ schnell auch ungeheure Knochen- und Gelenkschmerzen hinzu. Deshalb heißt die Krankheit auch “Knochenbrecherfieber”. Nach zwei Wochen ist sie meist überstanden. Es gibt aber offenbar vier leicht unterschiedliche Varianten des Virus. Wer die Krankheit einmal hatte, ist gegen diese Variante immun, kann aber mit einer der drei anderen erneut krank werden. Und beim zweiten Mal geht die Krankheit mit schweren inneren Blutungen einher und ist fast immer tödlich.

Reisenden nach Buenos Aires und vor allem dem Norden Argentiniens kann man daher momentan nur empfehlen, sich möglichst viel “Off” zu kaufen (das ist das hiesige Autan, wirkt ziemlich gut) und sich damit ausgiebig einzuschmieren bzw. -sprühen. Und wer nicht unbedingt muss, sollte vielleicht Gegenden meiden, die besonders gute Brutbedingungen für Mücken aufweisen (z.B. Esteros del Iberá, Wasserfälle von Iguazú). Das Auswärtige Amt meint zum Thema:

“Das angrenzende Bolivien durchlebt derzeit eine Denguefieberepidemie. Die argentinischen Medien berichten daher seit Ende März 2009 verstärkt von einer Ausbreitung des Denguefiebers im Norden des Landes. Betroffen sind die Provinzen Salta, Jujuy, Tucumán, Formosa, Misiones, Corrientes, Catamarca, Chaco und Santiago del Estero. Im Zuge der Ausbreitung ist es in Argentinien bisher zu fast 8000 Erkrankungen und sieben Todesfällen gekommen. Die Mücke, die das Denguefieber überträgt, ist tagaktiv. Reisende sollten daher besonders tagsüber auf einen Mückenschutz achten. Gegen das Denguefieber besteht kein Impfschutz.” [Stand: 13.4.2009]

Wer sonst noch was tun will: bei http://www.worldcommunitygrid.org/ kann man mithelfen, einen Wirkstoff gegen den Virus zu entwickeln. Mediziner von der University of Texas und der University of Chicago versuchen mit der Hilfe von möglichst vielen Privatleuten so etwas wie einen virtuellen Großrechner zu kreieren. Ein kleines Programm rechnet dabei im Hintergrund, wenn der Rechner nicht gebraucht wird oder seine Rechenkapazität nicht voll ausschöpft. Berechnet wird dabei, welche der Millionen Moleküle in der Datenbank der Institute am wahrscheinlichsten gegen den Dengue-Virus wirksam sein könnte und entsprechenden Tests unterzogen wird.

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Vater der argentinischen Demokratie gestorben

April 1, 2009 · Kommentar schreiben

Am 31.3. ist Raúl Alfonsín gestorben. Er war der erste argentinische Präsident nach der letzten Militärdiktatur von 1983 bis 1989 und wurde heute allenthalben in den hiesigen Medien gepriesen als “Vater der argentinischen Demokratie” oder “wahrer Demokrat”. Dabei hatte er es während seiner Amtszeit alles andere als leicht und viele die sich heute als Anhänger oder Freunde bezeichneten haben ihn damals bekämpft.Wahrscheinlich lässt sich das in Deutschland mit Helmut Schmidt vergleichen, der ja ebenfalls Jahrzehnte nach seinem Abtritt wieder enorme Popularität genießt (und die Narrenfreiheit, sich überall eine Fluppe anzuzünden).

Schwer gemacht haben es ihm – also Alfonsín – nicht nur die Militärs, die auch während der ersten Jahre der Demokratie immer wieder mit Panzern auf die Straßen fuhren und Regierungsgebäude besetzten, weil sie sich nicht für ihre Verbrechen während der Diktatur rechtfertigen oder die Kürzungen ihrer Etats hinnehmen wollten. Auch die Gewerkschaften haben mit insgesamt 13 Generalstreiks die Regierungsgeschäfte nicht einfacher gemacht. Die Wirtschaftslage mit einer nahezu durchweg dreistelligen Inflationsrate, im Jahr 1989 sogar vierstellig, tat ihr übriges, um bei den Argentiniern keine allzu großen Erwartungen an die Demokratie zu wecken. Er legte sein Mandat vorzeitig in die Hände von Carlos Menem, dem bereits gewählten neuen Präsidenten, um die Demokratie zu schützen. Zum ersten Mal im 20. Jahrhundert übergab ein Präsident sein Amt an einen gewählten Nachfolger.

Dass er sich auch geirrt hat, hat er selbst mehrfach zugegeben. Als er an Ostern 1987 den ersten Militär-Aufstand mit einigen Zugeständnissen beendete, vor allem um erneutes Blutvergießen im Land zu verhindern, verkündete er diese Botschaft mit den Worten: “Mitbürger, Frohe Ostern. Das Haus ist in Ordnung, es fließt kein Blut in Argentinien.” In den Medien blieb allerdings bloß der erste Halbsatz hängen als Symbol für einen Politiker, der die wahre Lage des Landes nicht erkennen mag. Denn das Haus war keineswegs in Ordnung – was er auch wusste. Er selbst sagte in einem heute im Radio wiederholten Interview, er habe vor allem zum Ausdruck bringen wollen, dass gewalttätige Auseinandersetzungen mit Toten vermieden werden konnten. Die Wahl der Worte sei ihm jedoch missglückt.

Er musste auch später viel Kritik einstecken als er als Parteichef der “Radikal-Bürgerlichen Union” (UCR) – der Name ist eigentlich schon ein Widerspruch in sich – und Oppositionsführer mit seinem Nachfolger Menem den “Pakt von Olivos” (dem Wohnsitz der Präsidenten) schloss. Der Pakt, der einige Verfassungsänderungen mit sich brachte, erlaubte unter anderem die Wiederwahl des Präsidenten, reglementierte die Parteienfinanzierung, schuf einen dritten Senator pro Provinz, der immer der Opposition der Provinz angehört. An der Wahlurne wurde die UCR für diesen Kniefall vor Menem – so wurde er begriffen – abgestraft.

Was für ein himmelweiter Unterschied zwischen Alfonsín und seinen Nachfolgern herrscht hinsichtlich Integrität, Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und großen politische Ideen wurde heute überdeutlich in einer Wiederholung seiner Antrittsrede im Radio. Darin rief er zu gemeinsamen Anstrengungen für den Wiederaufbau des Landes und der Demokratie, für die Überwindung von Parteienstreit, beschwor die Mitarbeit aller Argentinier und schloss dabei selbst die Militärs nicht aus oder die “Montoneros”, die hiesige Geschmacksrichtung linker Terroristen aus den 1970ern (und vordergründiger Anlass für die Militärdiktatur).

Zwei Minuten später eine Rede von Ex-Präsident Nestor Kirchner von gestern, in der er giftete, das Gesetz über die elektronischen Medien müsse geändert werden, weil es nicht sein könne, dass nur die Reichen sich die Fußballspiele im Fernsehen anschauen könnten, weil diese nur auf verschlüsselten Kabelkanälen übertragen würden.

Das Schlimme ist: wahrscheinlich interessiert sich die Mehrheit der Argentinier tatsächlich mehr für die Fußballspiele, nicht für die großen politischen Ideen. Und wäre das in Deutschland anders? Wohl nicht.

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Drehtag 11: Abschied von den Kondoren

Januar 14, 2009 · Kommentar schreiben

Am letzten Drehtag in der Sierra Pailemán durften wir alle ausschlafen – alle bis auf Walter und Niko. Die wollten diesmal nur zu zweit hoch auf den Berg, um zu sehen, ob sie nicht doch noch Bilder von fressenden Kondoren einfangen könnten.

Ein schon erwachsenes Kondormännchen beäugt die komischen Leute auf seinem Hügel. Kondore sind sehr neugierig.

Ein schon erwachsenes Kondormännchen beäugt die komischen Leute auf seinem Hügel. Diese Kondore waren sehr neugierig.

Was soll ich sagen? Ich glaube, die Kondore verhungern eher, als dass sie sich beim Fressen filmen lassen. Schon drei anderen Fernsehteams vor uns ist das gleiche passiert. Wäre schön gewesen, das erste Team zu sein, dass solche Bilder aus dieser Gegend mitbringt, aber wenn man nur begrenzt Zeit hat, geht eben nicht alles. Wir sind schließlich nicht die BBC.

Als die beiden gegen Mittag wieder runter kamen vom Berg hatten wir schon das Auto startklar gemacht, alle unsere Sachen wieder verstaut und den vorsichtshalber mitgebrachten Benzinkanister in den Tank entleert. In der ganzen Sierra gibt’s auf hundert Kilometer nämlich keine Tankstelle, und selbst wenn, kann man Pech haben, dass gerade kein Diesel da ist (und der Defender, mit dem wir unterwegs waren, schluckte nun mal nichts anderes).

Dieselmangel ist ein generelles Problem hier, insbesondere im Landesinnern, weil dort viele landwirtschaftliche Maschinen, Lastwagen, Pick-Ups etc. alle mit Diesel betankt werden wollen. Ich hab schon mehr als einmal Geschichten gelesen von Familien, die zum Ferienende stunden- oder gar tagelang irgendwo in der brütenden Hitze festsaßen, bis irgendein Brummifahrer sich erbarmte und aus seinem Tank ein paar Liter Diesel abgezweigt hat.

Der Kondorhügel. Wenn man genau hinguckt, kann man obendrauf auch den Bretterverschlag sehen, in dem wir uns versteckt hatten - leider umsonst.

Der Kondorhügel. Wenn man genau hinguckt, kann man obendrauf auch den Bretterverschlag sehen, in dem wir uns versteckt hatten - leider umsonst.

Zurück zum Kondor-Projekt: Nach einem kurzen Mittagessen haben wir uns schließlich von Walter und Mariano verabschiedet, die nun wieder alleine in der Einöde saßen, nur unterbrochen von vier freien Tagen alle zwei Wochen. Was Mariano dann macht weiß ich nicht, dessen Familie lebt in der Provinz Buenos Aires, rund 1.000 Kilometer weit weg. Walter ist da besser dran, seine wohnt in der “unmittelbaren Umgebung”, in San Antonio Oeste. Das ist der nächstgelegene Ort, nur etwa 120 Kilometer weg. Er sagt aber, wenn die vier Tage um sind, freut er sich richtig auf die Ruhe, die ihn dann wieder für die nächsten 14 Tage empfängt. Ist nicht jedermanns Sache, so ein Job als Wildhüter.

Für uns ging’s erstmal wieder über die staubige Schotterpiste zurück zur Ruta Nacional No. 3, wieder Richtung Süden. Nächster – und letzter – Stopp der Reise: Trelew, etwa fünf Stunden Fahrt. Nach den Tagen in der Halbwüste der Sierra genossen wir nun den Luxus eines Vier-Sterne-Hotels (wobei das sicherlich nicht mit den Vier-Sterne-Hotels in London, Paris, New York oder auch nur hier in Buenos Aires zu vergleichen ist, uns aber so vorkam).

Von hier aus wollten wir am letzten geplanten Drehtag die Pinguinkolonie bei Punta Tombo besuchen, die größte Patagoniens mit – je nach Jahreszeit – bis zu 1 Million Tieren (Magellanpinguine, also nicht die aus der “Reise der Pinguine”). Diese sind, ähnlich wie die Glattwale und Seeelefanten, ein wichtiger Touristenmagnet der Region. Am letzten Drehtag also: Pinguine.

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Drehtag 10: El condor pasa (pero no come)

Januar 6, 2009 · 1 Kommentar

Ok, zweiter Versuch. Diesmal geht nur ein Rumpfteam auf den Hügel, Mariano, Paulo und ich bleiben unten. Außerdem haben Walter und Mariano am Abend vorher nicht nur ein totes Schaf den Hügel raufgeschleppt, sondern auch noch die Beobachtungshütte blickdicht gemacht – auch von oben. So können die Kondore jetzt nicht mehr nachschauen, ob jemand sie beim Essen filmt.

Dachten wir. Irgendwie haben sie’s aber doch spitzgekriegt und wollten partout nichts fressen. Saßen mit offensichtlich hungrigen Mägen teilweise keine 10 Meter von dem Pferdebein und dem toten Schaf, aber hingetraut hat sich keiner. Nach abermals mehreren Stunden des Wartens haben wir entschieden, dass es vielleicht nicht so wichtig ist, sie beim Fressen zu filmen (obwohl uns da ja schon der Ehrgeiz gepackt hatte, besonders Niko). Wenigstens wollten wir überhaupt ein paar Aufnahmen machen. Denn die Geier kreisten schon wieder über dem Hügel, dass es eine Pracht war.

Also hochgestiegen und gefilmt. Niko mit der großen Kamera, wir alle anderen mit unseren Digitalkameras. Wie dicht uns die Vögel über die Köpfe flogen, ist dem nachfolgenden Video zu entnehmen, dass ich endlich zusammengeschnitten habe (entschuldigt die Qualität, das hat Youtube verhunzt; bei Zippyshare hab ich noch eine DivX-Version zum Download, die sieht besser aus, größer ist sie allerdings auch nicht).

Eigentlich sollte da als musikalische Untermalung eine Punk-Version von “El condor pasa” drunterliegen, hab aber keine gefunden und die anderen sind mir zu kitschig. Deshalb gibt’s jetzt Filmmusik von James Horner aus “Der Sturm”. Ist zwar ganz was anderes, passt aber auch gut. Stürmisch war’s dort oben nämlich. Weshalb ich den Originalton komplett rausgelassen habe, denn das Mini-Mikro an der Kamera hatte nur kratzende Windgeräusche aufgenommen. Schade, denn beim Vorbeifliegen haben die Kondore so einen leise zischenden Windlaut gemacht, den ich gerne aufgenommen hätte. Muss ich mich wohl bis zur Ausstrahlung der Sendung gedulden (ich hoffe, Paulo hat das aufgezeichnet).

Der Nachmittag verlief ähnlich wie der vorherige: viel Hitze, lange Siesta, erneute Bergbesteigung, keine fressenden Kondore, gute Nacht. Jetzt gab es noch eine Chance am nächsten Morgen. Würden die Kondore endlich fressen – und sich auch noch dabei filmen lassen? Die Antwort gibt’s am Drehtag 11. :-P

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Drehtag 9: Launische Kondore

Dezember 28, 2008 · 4 Kommentare

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen. Um 4 Uhr 30 klingelte der Wecker. Wir wollten möglichst noch im Dunkeln auf den Berg steigen, um nicht von den Kondoren entdeckt zu werden. Klappte natürlich nicht ganz, bis wir alle gefrühstückt hatten und abfahrbereit waren, war es 5 Uhr und bis wir endlich oben auf dem Berg in unserem Versteck saßen halb 6 durch und der Himmel taghell.

Die Kondore waren aber noch nicht aufgestanden, die schlafen wohl gerne etwas länger. Wir saßen also in unserem Bretterverschlag auf den nackten und auf die Dauer ziemlich unbequemen Felsen und warteten. Und warteten. Und warteten.

Gegen 8 Uhr 30 hieß es dann plötzlich: Kondor! Direkt über uns flog ein schon älteres Kondorweibchen immer wieder hin und her, spähte nach unten und schien uns zu beäugen. Das Dach des Bretterverschlags bestand nämlich aus einem vom Wind ziemlich zerzausten schwarzen Plastiknetz, Marke ‘Halbschatten’, wie es hier auf jedem Supermarktparkplatz zum Einsatz kommt, damit sich die parkenden Autos in der Sonne nicht so aufheizen. Dafür sind diese Netze auch erstaunlich gut geeignet – weniger gut allerdings, um eine neugierige Kameracrew vor den Blicken eines nicht weniger neugierigen Kondors zu verbergen, der direkt zwei Meter obendrüber fliegt.

Kondorweibchen 21 (oben) jagt eins von den Jungtieren

Kondorweibchen 21 (oben) jagt eins von den Jungtieren

Ob es daran lag, oder dieser und einige weitere Kondore, die sich kurz darauf zum ersten gesellten, einfach keinen Hunger hatten, das Pferdebein ihnen zu nah an der Bretterhütte lag – weiß der Kuckuck warum, aber sie wollten nicht fressen. Den ganzen Vormittag nicht. Sie gingen stattdessen in einer Art Spiel auf, bei dem das ältere Weibchen die drei Jungvögel immer wieder jagte und sie so zu allerlei abenteuerlichen Flugmanövern brachte.

Schnappschuss mit 3 Kondoren. Da ist nix gephotoshopped!

Schnappschuss mit 3 Kondoren. Da ist nix gephotoshopped!

Um die Mittagszeit stiegen wir wieder runter vom Berg, weil Walter und Mariano uns erklärten, in dieser Hitze würden sich auch die Kondore ein schattiges Plätzchen suchen und ausruhen. Mit Fressen sei frühestens am späten Nachmittag zu rechnen. Ja, da steht ‘Hitze’. Während der Tage, die wir im Kondorcamp verbracht haben, hatten wir Nachmittagstemperaturen von rund 40 Grad Celsius. Ein heißer Wind blies uns wie ein riesiger Fön direkt aus Norden ins Gesicht. Wir konnten also nichts Besseres tun, als den morgens entgangenen Schlaf nachzuholen.

Gegen 18 Uhr, als sich der Fön etwas abgekühlt hatte, fuhren wir wieder zum Berg. Das Pferdebein lag noch unberührt an Ort und Stelle, wo wir es tags zuvor platziert hatten (unberührt von den Kondoren, die Fliegen waren weniger kamerascheu). Gesehen haben mussten sie es, denn Kondore haben gute Augen und diese waren am Morgen zig mal drübergeflogen. Hunger hätten sie eigentlich auch haben müssen, ihre Kröpfe waren leer. Ein Zeichen, dass sie nicht irgendwo anders gefressen hatten.

Walter kam schließlich mit der Idee, ihnen für den nächsten Tag zusätzlich zum Pferdebein noch ein totes Schaf anzubieten. Das Kondorprojekt kauft den Estancieros der Umgebung für kleines Geld die alten und kranken Tiere ab, um sie an die Kondore zu verfüttern. Wenigstens in den ersten vier Monaten nach der Auswilderung bekommen die Kondore alle zwei bis drei Tage so einen ‘Leckerbissen’ auf ihren Hügel getragen. Immer nach Einbruch der Dunkelheit, damit die Vögel nicht mitkriegen, dass sie gefüttert werden und immer an eine andere Stelle, damit sie sich an keinen Futterplatz gewöhnen.

Diesmal übernahmen die beiden das Hochtragen allerdings alleine, von uns hatte keiner Lust, ein drittes Mal auf den Hügel zu steigen – noch dazu mit einem stinkenden, toten Schaf. Wir haben uns derweil ums Essen gekümmert und sind jeder mal kurz unter die Dusche gesprungen – was auch nötig war.

Während und nach dem Essen wurden wir von hunderten kleiner schwarzer Käfer besprungen, die völlig hysterisch überall umherflatterten. Entrinnen konnte man ihnen nicht, selbst ins Essen sprangen sie rein. Ich habe keine Ahnung, was für eine Sorte Käfer das war, hatte aber ein oder zwei Mal den Eindruck, dass die einen nicht nur als Landeplatz betrachten, sondern gerne auch mal zubeißen – insbesondere, wenn sie durch den Kragen des T-Shirts gerutscht und irgendwo weiter unten angekommen sind. Äußerst unangenehme Biester.

Selbst die konnten uns aber nicht das Erstaunen und die Begeisterung über den Nachthimmel verleiden. Dadurch, dass in der Umgebung weit und breit nirgendwo eine Lichtquelle war, hatten wir einen wunderschönen Blick auf den Sternenhimmel. Ich hab die Milchstraße zum ersten Mal tatsächlich als Band von Sternen gesehen, etwas, das mir in Europa noch nie gelungen ist. Da ich kein Stativ dabei hatte, konnte ich das leider nicht fotografieren, was mir sehr leid tut. Denn der Anblick war wirklich atemberaubend.

→ 4 KommentareKategorien: Argentinien · Kondor · patagonien
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